Rosalind Brown – Übung 
Rosalind Brown – Übung 

Rosalind Brown – Übung 

Die Verführung der Ablenkung 

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CW: Bildliche Darstellung von Exkrementen, bildliche Darstellung sexueller Handlungen, Essstörung 

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Jede*r kennt es: Eine wichtige Abgabe steht an, viel Zeit ist nicht mehr, und man weiß, dass man sich jetzt zusammennehmen und darauf konzentrieren sollte, um die Frist nicht zu verpassen. Und doch ist man umgeben von tausenden Sinneseindrücken, die sich wieder und wieder verführerisch in die Gedanken einschleichen. Übung von Rosalind Brown handelt von der Studentin Annabel, die nur noch einen Sonntag hat, um ein Essay über Shakespeare’sche Sonette fertig zu schreiben. Aber ihre Gedanken wandern immer wieder ab … 

Als Leser*in begleitet man Annabel, kurz Annie, durch ihren Alltag an diesem Sonntag in und außerhalb ihres Studierendenzimmers in Oxford. Brown verwendet eine klare, aber ungemein deskriptive Sprache, um ihrer Leser*innenschaft Annies Gedanken und das Sein im Moment zu vermitteln. So wird unter anderem ihre Suche nach einer These für das Essay beschrieben, eine kurze Yoga-Einheit und das Kochen eines Tees. Aber auch wie Annies Gedanken auf diese Situationen hin weiterwandern, wie der künstlerische William Shakespeare beim Verfassen seiner Texte wohl vor sich hin sinniert hat, wie die Dämmerung langsam der aufgehenden Sonne weicht und man nach und nach einzelne Bäume in der Ferne erkennen kann oder wie ein kleiner brauner Becher die Idee eines anderen Lebens allein im Süden Europas auslöst. 

„Sie möchte ihre kabbeligen Gedanken glätten, aber immer wieder lösen sich Schaumflocken von der Brandung, dieses Sitzen-denken-lesen ist wahrlich nicht ihre Stärke.“ 

Stück für Stück offenbart Brown so Annies Charakter, ihr persönliches Umfeld und ihre Vergangenheit, wobei Erinnerungen mit alternativen Szenarien vermischt werden. Neben jeder Form von Sinneseindrücken ist ein wiederkehrendes Thema ihr Freund Rich, bei dem sie nicht sicher ist, ob sie eine Beziehung mit ihm möchte oder nicht, und ihre eigene Sexualität. Sie verliert sich in fiktiven Szenarien, bei der ihre Position mitunter von zwei von ihr erschaffenen Figuren eingenommen wird, dem Gelehrten und dem Verführer, die sich seit Jahren in verstecktem Verlangen nach einander umkreisen. 

Browns Roman ist im wahrsten Sinne des Wortes „sinnlich“, da es um Reize aus der Umgebung geht, die Annie zum Nachdenken über ihr Leben auf dem Campus, ihre Kommiliton*innen, ihre Fantasien, Wünsche und Unsicherheiten anregen. Die innere Stimme, die Brown ihrer Protagonistin verleiht, ist ehrlich und direkt, stellenweise aber auch derb und ungeschliffen. Das mag anfangs irritierend wirken, tut der Handlung, die wie ein sanft strömender Fluss entlanggleitet, in den man als Leser*in hineingesogen wird, aber keinen Abbruch. Man ist angehalten, selbst abzudriften und sich wie Annie in Gedanken zu verlieren. Dass das Buch nicht in Kapitel unterteilt ist, sondern in unterschiedlich lange Abschnitte, die mal mehrere Seiten bedecken, manchmal aber nur eine halbe Seite oder weniger einnehmen, unterstreicht diese Wirkung. 

In gewisser Weise ist Übung ein Spiegel für unsere Gesellschaft, deren Alltag von Leistungen und Fristen durchzogen ist und stetige Konzentration erfordert. Es wirkt zugleich wie eine Auszeit vom eigenen Alltag, in dem man sich selten Zeit nimmt auf Kleinigkeiten zu achten und in dem es Luxus ist, vor sich hin zu träumen. Durch die scheinbar simplen, aber doch raffinierten Formulierungen der Autorin ist Übung ein entspannendes Werk, das den Geist unterhält und kreative Anregungen bietet. 

von Nike Kutzner 

Rosalind Brown 
Übung 
Aus dem Englischen von Eva Bonné 
Blessing 2024 
220 Seiten 
22,00 Euro 
ISBN 978-3-89667-754-9 

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