»Das Patriarchat muss kaum etwas tun, wir erledigen das selbst.«
Mit ihren letzten beiden Romanen „Die Wut die bleibt“ und „und alle so still“ hat sich die Autorin Mareike Fallwickl eine große Fangemeinde erarbeitet. Nun wendet sich die Autorin einem sachlichen Essayformat zu – und das nicht minder überzeugend. Das gerade mal 80 Seiten dicke Büchlein Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen beschreibt in dem von Fallwickl gewohnten sprachlich präzisen und emotional aufgeladenen Stil ein aktuelles gesellschaftliches Problem: Wie erreichen wir Gleichstellung, wenn junge Frauen tendenziell immer selbstbewusster und unabhängiger werden, während junge Männer sich zunehmend in die konservativere Richtung orientieren?
Dass Frauen in einem patriarchalen System mit Einschränkungen, Begrenzungen und gesellschaftlichen Regeln zu kämpfen haben, ist mittlerweile allseits bekannt. Dass auch Männer größtenteils durch dieses System verlieren, tritt nun zunehmend in den Fokus. Fallwickl vertritt dabei die These, dass Weiterentwicklung in Sachen Gleichberechtigung nur durch eine Inklusion aller Geschlechter erreicht werden kann. Damit ist dieser Text zunächst ein Appell an den Feminismus: Um wirklich das Patriarchat stürzen zu können, müssen alle begreifen, dass es zu ihren Lasten geht und die Abschaffung des Patriarchats nicht zu dem von ihnen gefürchteten Machtverlust, sondern zu einer Befreiung aller führt. Dabei gelingt es ihr, den Druck zu benennen, unter dem männlich sozialisierte Menschen stehen, sowie das damit einhergehende Leid, ohne genau eben jene Personen von ihrer Verantwortung freizusprechen.
Fallwickl thematisiert, dass es seit einigen Jahren gelungen ist, die Mädchen selbstbewusster und unabhängiger zu erziehen („werdet mehr wie Jungs!“), aber es versäumt worden ist, die Jungs zu ermutigen, Emotionen zuzulassen und in Beziehung zueinander zu treten („werdet mehr wie Mädchen?“). Wir als Gesellschaft sollten aber eben diese Jungs nicht vergessen und die fehlenden positiven, nicht „toxisch männlichen“ Rollenmodelle, die sie ermutigen, eben mehr wie Mädchen zu werden.
„Ja, Männer haben eine Vormachtstellung in unserer aktuellen Gesellschaftsform. Aber sie haben sich nicht aktiv dafür entschieden. Sie sind ins Patriarchat hineingeboren worden, sie sind zu diesen Männern gemacht worden. Und zwar von uns. Sich diese Verstrickung bewusst zu machen, ist für einen Feminismus des Miteinanders essenziell.“
Hierbei thematisiert sie auch die Machtverhältnisse zwischen den Generationen, die aktuell in der feministischen Debatte noch zu wenig angesprochen werden: „Ich halte es für falsch, der nächsten Generation die Zukunft umzuhängen mit einem gut gemeinten ‚Sorry, wir haben es nicht hingekriegt, ihr müsst es besser machen, viel Glück‘ und uns aus der Verantwortung zu stehlen.“ Damit bringt sie Adultismus als einen Punkt im Diskurs um die intersektionale Perspektive im Feminismus.
Viele Thesen dieses Essays sind bereits in anderen feministischen Schriften thematisiert worden. Damit wird Liebe Jorinde zu einem guten Einstiegswerk in den Feminismus; für Leser:innen mit mehr Vorkenntnissen wird es aber wenig Neues geben. Die zentrale These, dass wir nicht alle einer Meinung sein müssen, solange wir uns gemeinsam darauf einigen zu versuchen, das Patriarchat zu überwinden, weil es uns allen kollektiv schadet, ist als Appell wichtig und richtig. Es bleibt allerdings die Frage, ob er in dieser Form die Männer, um die es geht, tatsächlich erreicht. Vermutlich würden die meisten von ihnen dieses Buch eher nicht in die Hand nehmen, weil das grundsätzliche Interesse an diesem Thema fehlt. Zudem macht das Format des Briefes den Text auf der einen Seite nahbarer, wirkt aber an anderen Stellen etwas konstruiert und reißt fast aus dem Lesefluss.
Zusammengefasst liefert Fallwickl mit Liebe Jorinde erneut ein sprachlich starkes und klug geschriebenes Buch, das wichtige Fragen aufwirft. Es eignet sich vor allem für Einsteiger:innen in den Feminismus sowie für Eltern, die sich fragen, wie sie ihre Kinder und insbesondere Söhne in dieser Gesellschaft erziehen sollen. Wer sich schon länger mit feministischem Gedankengut beschäftigt, wird wenig Neues entdecken. Insgesamt aber für alle eine lohnenswerte und kurzweilige Lektüre.
von Hannah Deininger

Mareike Fallwickl
Liebe Jorinde oder Warum wir einen neuen Feminismus des Miteinanders brauchen
Kjona Verlag 2025
80 Seiten
20,00 Euro
ISBN: 978-3-910372-42-9