Slam Symphony
Slam Symphony

Slam Symphony

Zwischen Bühnenpoesie und Klangreise

Bereits zum elften Mal jährte sich in der Konzerthalle am 12. November 2025 eine ganz besondere Veranstaltung der Bamberger Symphoniker im Rahmen der CrossOverBAM-Konzertreihe: die Slam Symphony. Der Name ist hier Programm, denn es handelt sich um eine Kombination aus einem vereinfachten Poetry Slam und einem Konzert der Symphoniker*innen. Drei Poet*innen kämpfen mit je einem Text um den größten Applaus des Publikums und damit um den Sieg. Thematisch müssen sie sich auf einen Aspekt aus dem ausgewählten Musikwerk beziehen, das von den Symphoniker*innen vertont wird.

Andalusien: Stierkampf, Zigarettenfabrik, Schmuggelei

In dieses Setting ist das diesjährige Musikwerk zu verordnen. Bei der elften Slam Symphony dreht sich alles um Carmen, die temperamentvolle, selbstbewusste und vor allen anderen Dingen ihre Freiheit liebende Protagonistin der weltberühmten Oper Carmen von Georges Bizet. Sie wickelt jeden Mann um den Finger, den sie haben will – so auch den Soldaten Don José. Er soll sie eigentlich wegen einer Handgreiflichkeit an ihrem Arbeitsplatz in einer Zigarettenfabrik bewachen, lässt sie aber davonkommen und wird mit Arrest bestraft. Als er entlassen wird, muss er feststellen, dass Carmen mit dem gefeierten Torero Escamillo und seinem eigenen Vorgesetzten weitere Verehrer gewonnen hat. Die Rivalitäten verschärfen sich bald schon so sehr, dass José, begleitet von Carmen, gezwungenermaßen ins Versteck von Schmugglern abtauchen muss. Dort erfährt Carmen durch Wahrsagung von ihrem nahenden Tod, der letztendlich auch durch das sich immer weiter zuziehende Netz aus Eifersucht und Intrigen ausgelöst wird.

Um eine solche kurze inhaltliche Zusammenfassung der Oper kam auch der Moderator Christian Ritter nicht herum, damit wirklich alle Zuhörer*innen auf demselben Stand waren. Deshalb erklärte er, nach einer kurzen musikalischen Einleitung von den Symphoniker*innen, auch als Erstes Konzept und Aufbau der Slam Symphony sowie die Regeln des Poetry Slams. Dabei sorgte er durch seine nonchalante Erzählweise und zum Teil auch durch persönliche Bemerkungen, zum Beispiel zu seinem nun einjährigen Nikotinentzug, für eine aufgelockerte Atmosphäre.

Ein Musikwerk, drei Slam-Texte

Alle drei Poetry Slammer*innen wurden durch Anmoderation und musikalische Untermalung aus der Carmen-Suite eingeführt. Theresa Sperling machte mit ihrem Text Femme Fatale den Anfang. Sie war nicht nur die Siegerin des letzten Jahres, sondern auch 2024 Europameisterin im Poetry Slam sowie 2023 als erste Frau seit 23 Jahren deutschsprachige Meisterin. In ihrem Text sprach sie über Carmen als Idealverkörperung der Femme Fatale, über die Verurteilung von Frauen wie ihr durch die Gesellschaft und über die Realität, dass sich das bis heute nicht verändert hat. Sperling setzte in ihrem Auftritt nicht nur ihre Stimme ein, sondern unterstrich ihre Botschaften zusätzlich durch extrem ausdrucksstarke Mimik und Gestik, wobei ihr rotes Kleid eine besondere Rolle spielte.

Als Nächstes trat Dalibor Marković mit Was ich vermissen werde ans Mikrofon, der u.a. schonmal 2014 den Teamwettbewerb der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft gewonnen hat. Es handele sich, so Marković, bei seiner Geschichte um eine wahre Begebenheit, die sich in der Zukunft ereignen werde: eine Aufforderung zu seiner Remigration, mitten auf der Straße. Was kann der Person widerfahren sein, dass sie ihm das an den Kopf wirft? Wohin sollte er überhaupt gehen? Und vor allem: Was würde er dann vermissen? Mit einer Mischung aus Witz und Ernsthaftigkeit befasste er sich mit einem politisch sehr aufgeladenen Thema und setzte sogar für einzelne Teile seines Auftrittes die Bekanntheit melodischer Ohrwürmer aus der Carmen-Suite für sich ein. Am Ende blieb eine klare Botschaft: Wenn der Wille da ist, ist es jetzt noch nicht zu spät für Veränderungen, damit es nicht dazu kommt.

 Zum Schluss versuchte Yannick Steinkellner mit Das Privileg der weichen Hände die Herzen der Zuhörer*innen für sich zu gewinnen. Er stand seinen hochkarätigen Mitstreiter*innen in nichts nach: 2019 schaffte er es beispielsweise bis in das Finale der deutschsprachigen Slam-Meisterschaften im Team. Er nahm die Wahrsagungsthematik aus Carmen auf, um auf einer sehr persönlichen Ebene über Akzeptanz, Stolz, Dankbarkeit sowie gegenseitige Unterstützung innerhalb seiner Familie – selbst in schlechten Zeiten – zu erzählen. Umso ergreifender war sein zum Teil durch Gestik unterstützter Auftritt vor dem Hintergrund dessen, dass er erst vor kurzem Vater geworden ist.

Obwohl alle Slammer*innen Carmen als Grundlage genommen haben, sind drei sehr unterschiedliche Texte und Performances mit unterschiedlichen Perspektiven daraus entstanden, die beweisen, wie gut das Format funktioniert. Durchsetzen konnte sich letztendlich Dalibor Marković. Neben Ruhm und einer einjährigen Bienenpatenschaft ist ein wichtiger Teil seines Preises die Einladung für die Slam Symphony im nächsten Jahr. Allerdings war das Rennen so eng, dass Christian Ritter zur akkuraten Einschätzung des Applaus-Pegels jemanden zu Rate ziehen musste, „der ein ganz gutes Gehör zu haben scheint“: den Dirigenten Kevin Fitzgerald.

Ein mitreißendes Konzerterlebnis

Unter seiner Leitung entführten die Bamberger Symphoniker im Anschluss an die Preisverleihung die Zuhörer*innen wieder in die Welt von Carmen, indem sie die komplette Carmen-Suite, arrangiert von Rodion Shchedrin, voller Leidenschaft spielten. Das Arrangement überzeugte gerade bei den sehr bekannten melodischen Ohrwürmern, zu denen der Habanera zählt, weil es zwar vertraut, aber doch irgendwie neu klang. Besonders hervorzuheben ist der Einsatz von Schlagwerkinstrumenten, der für ein so beeindruckendes Hörerlebnis sorgte, dass Gänsehaut-Momente entstanden. Der Applaus transportierte auch in diesem Teil der Veranstaltung klar die Begeisterung des Publikums, das sich auf dem Weg zur Garderobe zum Teil noch angeregt über die Texte und Töne unterhielt. Bei weiterem Gesprächsbedarf konnte man das Angebot zum Meet & Greet mit den Künstler*innen im Anschluss wahrnehmen.

Ein absolutes Jahreshighlight, das zwei verschiedene Kunstformen wunderbar miteinander verbindet.

von Alina Köhler

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