„Jeder hat das Recht zu Bunburysieren.“
Oscar Wildes Komödie The Importance of Being Earnest („Bunbury”) ist im Staatstheater Nürnberg in einer Neuübersetzung von Julia Prechsl als Bunbury. Feeling Ernst zu sehen.
In leuchtenden Lettern steht Fuck, Escapism hinter einem durchsichtig schimmernden Vorhang auf der Bühne (Valentin Baumeister) und der Saal füllt sich zu dröhnenden zeitgenössischen Pop-Beats wie Ashnikkos Toxic oder Leave Me Alone von Reneé Rapp (Musik: Fiete Wachholtz). Der Ton ist gesetzt: Das wird keine verstaubte Inszenierung von Oscar Wildes Klassiker.
„Wenn man in der Stadt ist, unterhält man sich selbst. Wenn man auf dem Land ist, unterhält man die anderen.“
John, genannt Jack, Worthington (Justus Pfankuch) lebt als verantwortungsbewusster Patenonkel auf seinem Landsitz, aber damit er sich in der Stadt vergnügen kann, hat er einen jüngeren Bruder namens Ernst erfunden, dessen Identität er dann und wann annimmt, um den gesellschaftlichen Zwängen zu entkommen. Dabei trifft er sich mit Algernon Moncrieff (Kristina-Maria Peters), einem Meister des „Bunburysierens“, der ebenfalls ein Doppelleben führt, um Verpflichtungen zu entkommen: Sein fiktiver Freund namens Bunbury ist stets krank sowie hin und wieder dem Tode nahe – der perfekte Vorwand, um einer für ihn lästigen Verabredung zu entkommen, da Algernon zu seinem Krankenbett eilen müsse.
Jack möchte Algernons Cousine Gwendolen Fairfax (Claudia Gyasi Nimako) einen Heiratsantrag machen, Algernon wiederum Jacks Patenkind Cecily Cardew (Alban Mondschein) – die beiden Frauen wollen jedoch nur einen Mann namens Ernst heiraten, denn Image ist alles, Schein aber auch. Die dadurch markierte Kritik an der Oberschicht macht Wildes Stück aus. Also müssen sich die beiden Herren umtaufen lassen, um das Spiel ihrer versteckten Identitäten nicht auffliegen zu lassen und die Komödie nimmt an Fahrt auf.
„Meine Verpflichtungen als Gentleman standen meinem Vergnügen noch nie im Wege.“
Als sich das Versteckspiel immer mehr zuspitzt, entfaltet die Komödie durch das steigende Tempo ihre Wirkung und lässt die zweieinhalb Stunden des Stückes wie im Flug vergehen. Prechsls Dialoge funktionieren ebenfalls über das Tempo. Eine Szene des Schlagabtausches, als sich Jack und Algernon über die jeweils gegenüberliegenden Seiten der Zuschauendenreihen hinweg anschreien, zeigt dies par excellence. Die auffallend häufigen Anglizismen wirken stellenweise leider etwas gewollt und unnötig. Mit gekonntem Witz, der vermeintlich subtil, aber äußerst wirkungsvoll über einen trotzigen Nebensatz oder Mimik transportiert wird, besticht Bunbury. Feeling Ernst als gelungene, moderne Inszenierung der Komödie jedoch. Hier muss Publikumsliebling Kristina-Maria Peters ein besonders Lob ausgesprochen werden, die mit perfekt gesetzter Mimik und Körpersprache so einnehmend die Eröffnungsszene trägt.
Prechsl erklärt selbst in der Einführung des Stücks, dass sie Oscar Wilde als queerem Autor in ihrer Inszenierung gerecht werden wollte und sich deshalb entschieden hat, Algernon mit einer Schauspielerin und Cecily von einem Schauspieler zu besetzen, um die Binarität von Geschlecht aufzubrechen. Eine solche Besetzung, konträr zum geschriebenen Geschlecht, bewegt sich jedoch immer noch innerhalb von geschlechtlicher Binarität und bedient sich einfach nur eines der ältesten Tricks des Theaters – ein queeres Stück, als das es angekündigt wird, wird es dadurch noch nicht. Die latente Homoerotik zwischen Jack und Algernon, die wie Welpen aufeinander herumtollen, bleibt unterentwickelt und vermag es ebenfalls nicht, die Klassifizierung als queeres Stück zu rechtfertigen.
„Liebe heißt, sich selbst übertreffen.“
Ein wahrer Schatz der Inszenierung ist die Kostümierung von Olivia Rosendorfer, die die Figurensprache effektvoll transportiert. Lady Bracknell (Adeline Schebesch), Miss Prism (Marion Bordat) und der gestaltenwandlerische Stephan Schäfer als Pastor Chasuble sowie Butler Lane und Merriman werden durch ihre treffenden wie ausdrucksstarken Kostüme keineswegs auf Nebenrollen verwiesen. Große Hüte machen Diven und dienen nicht nur Lady Bracknell, sondern auch Jack als trauernder Diva, die über die Zuschauendenreihen theatralisch hinab zur Bühne schwebt und so für einen der größten Lacher des Stücks sorgt. Die subtilen Verweise zu Oscar Wildes Queerness schlagen sich auch in den grünen Nelken wieder, die die schillernden Anzüge der beiden Bunburysierer schmücken. Das Finale mit Jack und Algernon, jeweils in einem Meer aus weißen Rüschen, die gleichzeitig viktorianische Taufkleider mit Haube, aber auch Hochzeitskleider mimen, bildet den krönenden Abschluss der wundervollen Kostüme.
Die Inszenierung ist voller Hingabe: Kostüme, Dramaturgie (Ida Feldmann) und das schauspielende Miteinander stehen sich in nichts nach. Die besondere Note durch die Interaktion mit dem Publikum – sei es die Erweiterung der Bühne über die Ränge hinweg, oder dass Algernon als Frauenheld eine Zuschauerin durch seine Flirtkünste dazu überredet, ihm hinter die Bühne zu folgen – macht das Stück für das Publikum nochmal attraktiver. Bunbury. Feeling Ernst von Julia Prechsl nach Oscar Wilde führt diesen Klassiker einer Komödie weiter, modernisiert ihn ansprechend und sorgt für einen unterhaltsamen Abend!
Weiter Vorstellungen finden am 22., 27., 30. November, 13., 27., 31. Dezember 2025, 07., 14. Januar, 06., 21., 24. Februar, 17. März, 02., 11. April, 06., 16., 22. Mai, 19. Juni und 18. Juli 2026 statt. Beginn ist immer um 19:30 Uhr, außer am 30. November 2025 bereits um 18 Uhr.
von Michaela Minder

Maria Peters, Alban Mondschein und Claudia
Gyasi Nimako

Pfankuch

Maria Peters

Mondschein, Kristina-Maria Peters, Justus
Pfankuch, Claudia Gyasi Nimako, Stephan
Schäfer und Adeline Schebesch

Mondschein
Fotos: © Konrad Fersterer