„Ich will jemanden, der an mich denkt, wenn ich nicht da bin. Nicht jemanden, der sich an mich erinnert, wenn er mir begegnet.“
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Ein Mann ohne Möbel, das ist einer, der „einst seine Sachen für Berlin gepackt hat und am Ende beschloss: Ach, nehm ich nur meinen Penis mit, das reicht“. Dieser Typ Mann hat die Metropole als sein Jagdrevier auserkoren und treibt dort munter sein Unwesen, aber genau eines tut er nicht: sich festlegen und klar kommunizieren. Er hält seine Ich-Bezogenheit sowie Verantwortungsverweigerung jedoch für charmant und Lattenrost oder Bettgestell sucht man bei ihm vergeblich. Die Matratze liegt karg auf dem Boden, ein Sinnbild für seine emotionale Erreichbarkeit. Unter diesen Männern versucht Protagonistin Ellie die Liebe zu finden. Alexandra Stahls Roman Männer ohne Möbel hätte deshalb ebenso gut „Stadt ohne Liebe“ oder „Ein Depp nach dem anderen“ heißen können. Die Autorin erzählt episodenhaft von der großstädtischen Datinghölle. Die Lektüre ist kein Zuckerschlecken, weil der Erzählung viel Realität innewohnt, aber Stahl lässt die Leser*innen mit gekonnt platziertem Witz und kluger Ironie das Gebaren dieser Männer durchstehen. Eine gewisse Bitterkeit schwingt dennoch mit, da die Realität einfach nicht rosig ist: „Diese ewig gleichen Gespräche. Wie eine Bewerbung. Dabei mag man jemanden eben oder nicht. […] Bei jedem Satz überlege ich, ob sich die Mühe lohnt. Man hat ja alles schon so oft erzählt. […] Am Ende ist man immer müde“.
„Ellie kannte das Problem, dass Menschen, die sie attraktiv fand, ihr ziemlich viel Unsinn erzählen durften, bevor sie anfing, sie blöd zu finden.“
Männer ohne Möbel zeichnet sich vor allem durch treffende Beobachtungen aus. Beispielsweise werden die vermeintlich unverbindlichen Check-In-Nachrichten, mit denen sich Männer bei Ellie reinmelden, als Warmhalte-Booty Calls dechiffriert und der ganze Mann gleich dazu. Die Scharfsinnigkeit der Analyse und ihre spitze Zunge macht aber auch vor Protagonistin Ellie nicht Halt. Sie erkennt genauso ihr eigenes inkonsequentes Verhalten in Situationships an und somit ist der Roman mitnichten ein unreflektiertes Anprangern von Fuckboys als Grund, warum die Liebe heutzutage in Berlin nicht mehr zu finden wäre. Ebenfalls dreht es sich nicht ausschließlich darum den Mann fürs Leben oder zumindest für die aktuelle Affäre zu finden, sondern mit der Figur Ria untersucht die Autorin außerdem die Komplexität von Freundinnenschaft, was sich als besonders bereichernder Erzählstrang herauskristallisiert.
„Als lebten auch wir in einer Beziehungsdiktatur, in der jeder jemanden wollen und kriegen müsse, weil auch alle anderen jemanden wollten und kriegten.“
Stahls Schreibstil besticht durch Pointen, die eine*n beim Lesen kurz laut auflachen lassen. Mit Humor und Sprachgewandtheit erzählt die Autorin vom Umherirren, um in der Großstadt die Liebe zu finden – eine Erfahrung, die viele Leser*innen teilen dürften und sich in Männer ohne Möbel Ellie als Leidensgenoss*in sehen können. Danke, Alexandra Stahl, denn: Geteiltes Leid ist halbes Leid.
von Michaela Minder

Alexandra Stahl
Männer ohne Möbel
Jung und Jung 2021
192 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-99027-245-9