Benjamin Wood – Der Krabbenfischer
Benjamin Wood – Der Krabbenfischer

Benjamin Wood – Der Krabbenfischer

Dreimal Niedrigwasser

CW: Alkoholkonsum, Tod

Der Krabbenfischer ist der fünfte Roman von Benjamin Wood und wurde für den Bookers Prize 2025 nominiert. Die deutsche Übersetzung ist von Werner Löcher-Lawrence und erinnert nicht nur optisch, sondern auch sprachlich an die Werke von Benjamin Myers, welche ebenfalls von Löcher-Lawrence übersetzt wurden.

Thomas Flett fährt, genau wie sein Großvater Pop, jeden Tag bei Niedrigwasser mit seinem Pferdewagen raus und fängt Krabben – mal mehr, mal weniger. Zwischen Ebbe und Flut erzählt Der Krabbenfischer von den heimlichen Träumen eines einsamen Handwerkers, der ums Überleben kämpft. Der Zwanzigjährige lebt mit seiner Mutter und seinen geplatzten Träumen in Longferry an der Küste Englands. Sein ganzes Leben ist dem Meer gewidmet. Er kennt jedes Senkloch im zitternden Sand, über dem der Nebel wohnt, und folgt pflichtbewusst der Familientradition.

„Wir fangen mehr, wenn wir zu zweit sind, das heißt, du hörst mit der Schule auf. Ich meine nicht, für immer, aber gerade verdiene ich nicht genug. Mein Arm ist so lahm, ich kann kaum die Netze einbringen. Mir steht das Wasser schon nach zwei Runden bis zum Bauch. Wenn ich einen einzigen Korb voll bekomme, ist es ein guter Tag.“

Damit Thomas und seine Mutter um die Runden kommen, braucht er zwei Körbe. Das Meer enthält allerdings zunehmend mehr seltsame Chemikalien, Pestizide und Abwasser als Krabben. Als plötzlich der Regisseur Edgar Acheson nach Longferry kommt, keimt Hoffnung für Thomas auf: Endlich wird seine Expertise über das Meer gebraucht. Thomas erkennt durch ihn, dass es Menschen gibt, die ihren Träumen folgen, statt einem Familienfluch zu dienen, und gewinnt neue Perspektiven. Von neuem Lebensmut beflügelt, greift er zur Gitarre und erlaubt sich wieder zu träumen.

„Das Schnurren seiner Stimme in der Brust ist wie der Kick der ersten Zigarette am Morgen. Einen Moment lang geht er in seinem Lied auf. Der Lauf der Welt ist ohne Belang für ihn. Er spürt die Erde unter den Stiefeln nicht mehr.“

Der Roman lebt von leisen Momenten, intensiven Naturbeschreibungen und ungewöhnlichen Charakteren. Die ruhige Handlung wird ergänzt durch eine magische Atmosphäre, die durch teils sehr poetische, teils sehr schlichte Sprache erzeugt wird. In der langsamen Erzählweise steckt viel Tiefe, die den Senklöchern des Meeres gleicht: unscheinbar, aber mit immenser Sogwirkung. Wer jedoch die Karte kennt, die über Generationen weitergeben wird, sieht die Verbindungslinien.

„Er wünschte, er könnte den Strand so sehen wie Edgar, als etwas Besonderes, Geheimnisvolles. Aber alles, was ihn als Junge fasziniert hat, wie merkwürdig sich das Wasser zurückzieht, all die Energie, die man spüren, aber nie sehen kann, ist ihm Alltag geworden.“

Besonders interessant sind auch die behutsam entfalteten Dynamiken zwischen den Figuren. Wood gelingt es hervorragend, ihnen eine eigene Stimme zu geben. In den vielschichtigen Dialogen wird die Entwicklung des Krabbenfischers deutlich und es entstehen komplexe Beziehungsgeflechte. Die gegenseitige Wertschätzung der Charaktere füreinander geht unter die Haut, gerade weil diese so kantig und eigenwillig sind. Mitten in lebensfeindlicher Natur blüht Menschenwürde.

„Ich kann nicht glauben, dass Sie das hier jeden Tag machen, Tom. Es ist ein hartes Leben, das Sie sich da ausgesucht haben. Ich bewundere Sie dafür. Sie sind ein besserer Mensch als ich.“

Auf bescheidene und unaufdringliche Weise werden große Gefühle erzeugt und es wird nach dem Sinn des Lebens gesucht. Trotz Melancholie und Schmerz werden Fremde zu Freunden und vom Umfeld vergessene Menschen bekommen neue Hoffnung auf Zugehörigkeit. Wood balanciert zwischen Romantisierung des traditionellen Lebensstils und Aufklärung über dessen Gefahren.

„Mr. Acheson ist kaum mehr als ein Fremder, doch er hofft bereits, dass sich da eine Freundschaft entwickelt. Und wenn man an jede Tür in Longferry klopfen würde, einen so interessanten Menschen findet man hier nicht. Er kennt niemanden sonst, der sein Brot mit seinem Talent verdient.“

Der Krabbenfischer ist eine Empfehlung für alle, die leise, teils melancholische Bücher mit kantigen Charakteren und originellen Natursettings schätzen. Hoffentlich folgen weitere Übersetzungen von Benjamin Woods Romanen.

Benjamin Wood
Der Krabbenfischer
aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
Dumont 2025
224 Seiten
24,00 Euro
ISBN ‎ 978-3-7558-0061-3

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