Warum geht man mitten in der Nacht im Meer schwimmen?
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CW: Alkoholkonsum, COVID-19, Ersticken, Ertrinken, Mordversuch, Tod
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Ein idyllisches Dorf an der irischen Küste steckt plötzlich mitten im Lockdown. In diesem Setting startet der Roman Mitternachtsschwimmer von Roisin Maguire, übersetzt von Andrea O’Brien. Die Protagonistin Grace lebt mit ihrem Hund in Ballybrady und vermietet das Cottage ihrer Eltern an Touristen, die nach einer Auszeit suchen. Als Evan an diesen Ort kommt, sucht er nach Ruhe und Zeit zum Nachdenken über seine Ehe, seine Kinder und seine Arbeit. Er ahnt nicht, was auf ihn zu kommt und durch die Coronapandemie verschwindet die ganze Welt in Ungewissheit.
„Wenn man etwas im Meer verloren hatte, wirkt es auf einmal überwältigend.“
Obwohl sich der Roman an Themen wie Trauer, Verlust und Einsamkeit abarbeitet, bleibt er sprachlich eher sachlich und distanziert, wodurch an einigen Stellen die emotionale Tiefe fehlt. Auch wenn Mitternachtsschwimmer als berührend und lebensklug beworben wird, sind es beim Lesen doch eher die Naturbeschreibungen, die besonders überzeugen. Dabei wird auch das Motiv des Mitternachtsschwimmers aufgegriffen. Wobei das Schwimmen insgesamt weniger Beachtung findet, als der Titel vermuten lässt, und stattdessen mehr auf andere Weise mit der Kulisse der irischen Küste gespielt wird.
Der Anfang plätschert ruhig dahin und wird nur von einigen wenigen spannenden Momenten unterbrochen. Ab der Hälfte nimmt der Roman jedoch Fahrt auf. Dies gelingt unter anderem durch die Schilderungen von Begegnungen mit den anderen Dorfbewohner*innen und das Einbringen von gesellschaftlichen Fragen in die Dialoge.
„»Du bist ein gutes Mädchen, Becky Breen«, sagte Grace. »Verdammt, Grace, ich bin neunundzwanzig«!, entgegnete Becky, immer noch lächelnd. […] »Es ist nichts Schlimmes dabei, das Wort Frau zu benutzen. Findest du nicht, dass wir dafür sorgen müssen, das Wort wieder in unseren Sprachschatz zu bringen? «“
Trotz der teils feministischen Perspektiven gibt es auch einige problematische Darstellungen von z.B. Frauenkörpern, die mehrfach abgewertet werden. Gerade in einem Roman, der sich sehr um Zugehörigkeit und Verletzlichkeit dreht, wirken diese Bemerkungen unpassend. Interessant hingegen ist, welche Rolle das Thema Gebärdensprache spielt und wie dadurch die Dynamik zwischen den Figuren beeinflusst wird.
Insgesamt bleibt der Roman jedoch deutlich unter seinen Möglichkeiten und enthält zu viel Unausgesprochenes.
von Jasmin Fuchs

Roisin Maguire
Mitternachtsschwimmer
aus dem Englischen übersetzt von Andrea O’Brien
Dumont 2024
352 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-8321-6829-2