Ein schicksalhafter Sommer
CW: Drogenkonsum und -missbrauch, Erwähnungen von Menschenhandel & Pädophilie, Femizid, häusliche und physische Gewalt, Mord, Selbsthass, sexuelle Belästigung, Tod, Trauma, Unfall, Vermisstwerden
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Zehn Jahre nach jenem verhängnisvollen Sommer auf Mykonos lebt Bess als schattenhafte Version ihrer selbst. Der Tod ihrer Freundin Evangeline hatte damals einen internationalen Medienrummel ausgelöst, der Bess und ihre Freundin Joni über Nacht zu vermeintlichen Täterinnen machte und sie zu Objekten öffentlicher Spekulation degradierte. Während Bess sich aus der Welt zurückgezogen hat, nutzte Joni die Medienpräsenz für sich und ist mittlerweile eine gefeierte Influencerin – bis ein neuer Vermisstenfall erschreckende Parallelen zur Vergangenheit aufwirft und Bess wieder in Jonis Orbit gezogen wird. Zwischen alten Wunden, verdrängten Erinnerungen und einer unbarmherzigen Öffentlichkeit müssen beide sich erneut der Frage stellen, was damals in jener Nacht wirklich passiert ist – und welche Schuld sie nach all den Jahren noch tragen.
Ella Bermans Before We Were Innocent möchte ein vielschichtiger Roman über Schuld, Macht, Medien und die Dynamiken toxischer Freundschaften sein – und das gelingt stellenweise auch. Gleichzeitig offenbart der Roman deutliche Schwächen, insbesondere im Figurenaufbau und in der dramaturgischen Balance. Strukturell arbeitet der Roman mit ständigen Zeitsprüngen zwischen 2008, 2009 und 2018. Dieser permanente Perspektivwechsel sorgt zwar für Tempo, wirkt aber bald repetitiv. Erst nach mehr als 200 Seiten nähert sich die Handlung überhaupt dem Ereignis, das den Kern des Romans ausmachen soll: dem Tod von Evangeline auf Mykonos. Bis dahin verliert sich Berman in viel Gesprächs- und Gedankendrahtseilakten mit teils wenig Spannungsaufbau. Erst ab dem Verhör etwa zur Mitte des Buches kommt Dynamik auf.
Sprachlich ist der Roman zugänglich, die Kapitel sind kurz, und vieles liest sich schnell weg. Gleichzeitig wirken die Dialoge oft ziemlich künstlich – fast wie geskriptet. Die Figuren bleiben distanziert und blass. Besonders Bess, die Protagonistin, agiert über weite Strecken merkwürdig passiv: eine stille Beobachterin, die weniger handelt als erträgt. Ihre Schuldgefühle sind greifbar, aber sie wird zum Spielball zwischen Joni und Evangeline, ohne je eine eigene Haltung zu entwickeln.
Bei solchen Freund*innen, braucht man keine Feind*innen
Das größte Problem des Romans liegt jedoch in seinen unlikable characters: Mit niemandem wird man wirklich warm. Die drei „Freundinnen“ wirken kaum wie Freundinnen – eher wie Konkurrentinnen, die sich gegenseitig nicht ausstehen können. Intrigen, Lügen, verletzende Bemerkungen und Egoismus dominieren ihre Beziehungen. Jede der drei ist auf ihre Art manipulativ. Gemeinsam versuchen sie, einen Sommer lang die Zeit anzuhalten, bevor Geld, Erwartungen und Zukunftspläne sie auseinanderdriften lassen. Doch selbst diese nostalgische Rückschau bleibt oberflächlich. Man ertappt sich dabei zu denken, es wäre besser, wenn sich alle einfach endgültig aus dem Weg gehen würden.
Thematisch ist das Buch ambitioniert: Machtmissbrauch bei polizeilichen Verhören, Victimblaming, die Viktimisierung von jungen Frauen, die nicht dem „perfekten Opfer“-Narrativ entsprechen, und die gnadenlose Jagd der Medien auf vermeintliche Täterinnen. Berman zeigt eindringlich, wie reißerisch berichtet, spekuliert und schnell verurteilt wird – ob in Internetforen oder durch Reporter*innen, die ohne Rücksicht auf Alter oder Unschuldsvermutungen zuschlagen. Besonders stark sind die Abschnitte, die die perfiden Mechanismen der Presse beleuchten, inklusive der eingestreuten fiktiven News-Schnipsel, die sich realitätsnah und zugleich zynisch lesen.
„Sie wollen, dass wir schuldig sind“
Gleichzeitig bleibt vieles im Vagen: Was war eigentlich das „Verbrechen“? Wer trägt welche Verantwortung? Und ist moralische Schuld mit juristischer Schuld vergleichbar? Zwar kreist der Roman um diese Fragen, doch er beantwortet sie eher nebulös. Immer wieder entstehen Vorahnungen, Schatten der Vergangenheit, erneute Verkettungen von Umständen, die sich fast identisch wiederholen – diesmal mit Willa, Jonis Verlobter, als Opferfigur. Doch die Wiederholung wirkt mehr wie ein erzählerischer Kunstgriff als wie eine organisch entwickelte Konsequenz.
Am Ende bleibt ein Roman, der die Abgründe menschlicher Beziehungen und die Brutalität öffentlicher Vorverurteilung zeigen will, dabei aber oft an seinen Figuren scheitert. Die Geschichte um Evangelines Tod und die Rolle der beiden „Hinterbliebenen“ ist interessant, aber nicht so fesselnd, wie sie es vielleicht sein könnte. Der Satz „Sie wollen, dass wir schuldig sind“ trifft vielleicht den Kern: Schuld wird hier nicht ergründet, sondern zugeschrieben – von Medien, Polizei und Öffentlichkeit. Doch die Figuren bleiben oftmals zu unklar gezeichnet, um diese Themen wirklich mit emotionaler Wucht zu tragen.
Ein Roman mit relevanten Themen und starken Einzelmomenten, der jedoch an blassen, teils unsympathischen Figuren und einem träge erzählten ersten Erzählabschnitt scheitert. Die mediale Hetzjagd, die Dynamiken toxischer Freundschaften und die Frage nach Schuld sind interessant – aber die Umsetzung bleibt stellenweise zwiespältig.
von Kristina Steiner

Ella Berman
Before We Were Innocent
Übersetzt von Elina Baumbach
Pola 2024
22,00 Euro
ISBN 978-3-7596-0020-2