Morgan Dick – Mickey und Arlo
Morgan Dick – Mickey und Arlo

Morgan Dick – Mickey und Arlo

„Zwei Schwestern. Sieben Therapiestunden. Ein Problem.“

CW: Alkoholismus, psychische Erkrankungen

Im Roman Mickey und Arlo erzählt Morgan Dick die Geschichte zweier Frauen, die denselben Vater haben und doch auf ganz unterschiedliche Weise von ihm geprägt wurden. Mickey wächst mit einem Mann auf, der von seiner Alkoholsucht bestimmt ist, während Arlo einen Vater erlebt, der Jahre später ruhiger, gefasster und scheinbar gefestigt wirkt. Beide tragen auf ihre eigene Weise die Spuren dieses Mannes in sich. Erst nach seinem Tod kreuzen sich ihre Wege, aus einer geplanten Konfrontation des Vaters wegen seines Erbes entsteht eine vorsichtige Annäherung der zwei Frauen. Die eine ist Therapeutin, während die andere in der Pflicht ist Therapiestunden zu machen, um an das Geld zu kommen. Der Roman zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich ein Mensch in verschiedenen Lebensphasen wirken kann und wie tief dessen Präsenz und familiäre Brüche in das eigene Selbst hineinwirken, auch wenn man schon erwachsen ist.

Morgan Dick gelingt es dabei, stets beobachtend und begleitend zu erzählen, anstatt wertend oder voreingenommen. Das Buch zeigt, dass Heilung kein linearer Weg ist und  jeder Mensch irgendwann Hilfe benötigt. Diese Botschaft spiegelt sich auch im Ende wider, das die Geschichte auf ruhige und runde Weise abschließt und ihre Kernaussage noch einmal vertieft, denn Veränderung ist möglich, egal, an welchem Punkt im Leben man steht, auch wenn sie oft langsam und nicht sofort sichtbar geschieht.

Stilistisch bewegt sich das Buch zwischen emotionalen, tiefgehenden Geständnissen und stillen Beobachtungen. Dick beweist dabei psychologisches Feingefühl und Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen. An manchen Stellen ist die Erzählung dabei jedoch etwas langatmig, auch wenn die Grundidee und die Ausarbeitung insgesamt gelungen sind. Das Buch verlangt auf jeden Fall Aufmerksamkeit und Geduld, bietet im Gegenzug jedoch ein ehrliches, ungeschöntes Bild innerer Prozesse und menschlicher Verletzlichkeit. Es wechselt nicht pausenlos zwischen Handlungssträngen, sondern zeigt realitätsnah, wie Menschen im Leben stehen und mit Problemen kämpfen.

Wer Geschichten über psychische Heilung, schwierige Beziehungen und die Zerbrechlichkeit menschlicher Gefühle schätzt, findet hier viel Stoff zum Nachdenken. Wer hingegen auf ein mitreißendes Leseerlebnis hofft, könnte das Buch als eher sperrig empfinden. Ein introspektiver Roman über zwei Frauen, deren Leben auf unterschiedliche Weise von demselben Vater geprägt wurde, realistisch, ehrlich und vielschichtig, aber eher leise als mitreißend. Ein Buch, das nachhallt, auch wenn es nicht jede*n sofort erreicht.

von Annalena Bennek

Morgan Dick
Mickey und Arlo
Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
hanserblau 2025
414 Seiten
23,00 Euro
ISBN 978-3-446-28109-7

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