Ist meine Geschichte trotz des Erlebten zu normal?
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CW: Angstattacken, Amoklauf, Blut, Drogen, Harninkontinenz, Mord, Traumata, Zwangsverhalten
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Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann ist ein Roman über das Ringen um die Antwort auf die Frage: Darf man Geschichten über reale Gewaltverbrechen erzählen? Und wenn ja, wer? Der namenslose Protagonist arbeitet sich an genau dieser Frage ab, während er an einem Buch über den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium 2002 schreibt. Reicht seine Betroffenheit als Legitimation aus oder wird er gerade deshalb scheitern?
„Aber bin ich betroffen genug? […] Ich rühre einen Topf um, von dem ich nicht weiß, ob ich mich ihm überhaupt nähern sollte, einen völlig fremden Topf, so fühlt es sich an.“
Der Text bewegt sich zwischen autofiktionalem Roman, realistischem Tatsachenbericht sowie mehrperspektivischem Essay und spielt auf angenehme Weise mit den verschiedenen Genres. Immer wieder bleibt der Text dabei unvollständig. Erdmann setzt seine Geschichte aus fragmentarischen Szenen und abgebrochenen Sätzen zusammen. Dabei hinterfragt er seine eigenen Erinnerungen und platziert sie vermischt mit Ergebnissen seiner Recherche in den Köpfen seiner Protagonisten. Dieser wiederum geht seiner eigenen Nachforschung nach und reist dafür nicht nur nach Erfurt, sondern auch nach Bamberg, wo er sich mit dem Dramatiker trifft, der ein Theaterstück über Amokläufe inszeniert. Dadurch wird der Amoklauf auf dreifache Weise erzählt und das Schreiben wird als Zugang genutzt, um sich dem Stoff anzunähern.
„Ich beäuge die zwei neuen Sätze misstrauisch wie unangekündigte Gäste, wie Vertreter, die mir an der Tür etwas verkaufen wollen. Ich ziehe zwei Absätze ein, um mich von ihnen zu entfernen.“
Das Schreiben wird niemals beiläufig oder in Ermangelung von Alternativen thematisiert. Vielmehr wird dadurch der Sprachlosigkeit Ausdruck verliehen und nach jahrzehntelangem Schweigen wird ein neuer Umgang mit den Ereignissen angestrebt. Er sucht nach eigenen Formen des Trauerns und Verarbeitens, nachdem er als Elfjähriger verständnislos zurückblieb. Die Trauerrituale der Erwachsenen waren für ihn unzugänglich.
Geschickt nimmt Erdmann die Kritik, die seinem Roman entgegenschlagen könnte, vorweg, indem er sie zum Thema macht und auf vorangegangene literarische Auseinandersetzungen mit Gewaltverbrechen eingeht. Bei all dem zeigt er großen Respekt gegenüber den Opfern, den Angehörigen und allen Betroffenen. Statt gängige Perspektiven unreflektiert zu reproduzieren oder mit dem Finger auf irgendjemanden zu zeigen, rückt er jene liebevoll ins Licht, die bisher übergangen wurden.
„Unser Hausmeister ging, weil er nicht wusste, was er tun sollte, am Montag nach dem Amoklauf zur Arbeit, also zum Gutenberg, in dem noch immer der Blutgeruch hing und die Kugeln in der Wand steckten. […] Seine Therapie […] wurde durch ein Minderwertigkeitsgefühl erschwert, das Gefühl, nur der Hausmeister, eine Nebenfigur zu sein, keine Hilfe zu verdienen.“
Erdmann fragt nicht nur danach, wie mit den Betroffenen umzugehen sei, sondern auch, um wen getrauert werden darf. Explizit wird diese Frage im Theaterstück des Bamberg Dramatikers thematisiert. Insgesamt überzeugt der Roman durch die einzigartige Erzählstimme des Protagonisten, die liebevoll gestalteten Nebenfiguren und vor allem durch die Art, wie das Schweigen zum Klingen gebracht wird.
von Jasmin Fuchs

Kaleb Erdmann
Die Ausweichschule
park x ullstein 2025
304 Seiten
22,00 Euro
ISBN 9783988160225