Ein Sommer in Paris
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Anmerkung: Sophie Bichon schreibt seit 2024 als Malou Bichon und verwendet dey/demm-Pronomen.
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Lilou startet nach ihrem Abitur ein Abenteuer: eine Reise nach Paris, um sich ihrer entfremdeten Mutter näher zu fühlen und vielleicht den Teil ihrer selbst zu finden, den ihre Mutter damals mitgenommen hat. Noch im Zug nach Paris begegnet sie Mignon: chic, mysteriös und genau Lilous Typ. Nur hat Lilou gerade eine böse Trennung hinter sich und will sich nicht auf etwas Neues einlassen. Mignon hingegen glaubt nicht, dass sie überhaupt richtig lieben kann, hat doch jede ihrer potenziellen Beziehungen sie bisher eher abgeschreckt, anstatt angezogen. Lieber hält sie Menschen auf Abstand, anstatt ihnen ihr gläsernes Herz anzuvertrauen. Abgesehen von der emotionalen Verfügbarkeit unterscheidet Lilou und Mignon auch ihre Lebensphase: Lilou, frische Abiturientin, mit Sinn für Freiheit und Abenteuer. Mignon, fünf Jahre älter, bereits im ersten großen Job. Unterschiedlicher könnten die Protagonistinnen also kaum sein – und doch finden sie immer wieder zueinander.
Zerbrechliche Herzen
Der Gegensatz der Protagonistinnen lädt zu einer spannenden Betrachtung ein; die eine eher zynisch eingestellt, die andere optimistisch. Das beliebte Grumpy x Sunshine Trope, nur in sapphic? Nicht ganz, denn hinter der angenommenen Grumpiness Mignons steckt eine tiefe Unsicherheit, die sie durch Abwehr zu schützen versucht. Bloß niemanden nahe genug ranlassen, dann kann nicht bemerkt werden, wie kaputt sie eigentlich ist. Lilou trägt ihren Schmerz offener mit sich herum, die Suche nach ihrer Mutter und das Unverständnis ihres Verschwindens, die angespannte Beziehung zu ihrem Vater, der genauso unter der Trennung leidet, und doch ist der gemeinsame Schmerz nicht kompatibel. Insgesamt lässt das Buch viel Raum für die Emotionen der Figuren, das Hauptaugenmerk liegt auf den Gefühlen, wie die Figuren mit ihnen umgehen und sich ihnen stellen. Als Leser*in muss man sich darauf einstellen gemeinsam mit Lilou und Mignon in diesen Emotionen zu sitzen und sie auseinanderzupuzzlen.
“[D]ie Zeit löste sich auf zwischen Farben und Licht”
Die Handlung hat im Ausgleich dazu eher eine zurückgesetzte Position; Mignon hat einen festen Alltag, Lilou hingegen lässt sich in ihrem Sommer voller Freiheit viel treiben – und so plätschert auch die Handlung eher sanft dahin. Wie ein ausgedehnter Urlaub in Paris eben. Natürlich treffen Lilou und Mignon immer wieder aufeinander, obwohl sie beide gegen das Knistern zwischen ihnen ankämpfen, doch Lilou findet Anschluss in Mignons Freundeskreis und so kreisen sie ständig umeinander, wie Planeten in einem Sonnensystem.
Was Sophie Bichons Bücher besonders macht und vom großen Markt der New Adult Romance abhebt, ist das Schreiben. Der Stil ist eine erstaunlich harmonische Symbiose von literarischer Introspektion und Zugänglichkeit. Malerisch, beinahe schon poetisch trägt der Schreibstil die Figuren, ohne dabei hochgestochen zu wirken. Eher selten findet man so viele zitierwürdige Sätze und Halbsätze, man könnte ein halbes Notizbuch nur mit Zitaten füllen. Das Buch liest sich ein bisschen, als würde man über Wolken laufen: unbeschwert und magisch in seiner Simplizität.
von Friederike Brückmann

Sophie Bichon
Und ich leuchte mit den Wolken (Love is Love-Reihe Band 1)
Heyne 2021
448 Seiten
12,99 Euro
ISBN 978-3-453-42530-9