J.R.R. Tolkien – Der Hobbit
J.R.R. Tolkien – Der Hobbit

J.R.R. Tolkien – Der Hobbit

Ein Drache, sie zu knechten, einen Hobbit zu finden, ins Abenteuer zu treiben und ewig zu verändern.

Eine bekannte Analogie fragt: Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Sturm auslösen? Im Falle Tolkiens ist die Antwort eindeutig: Ja.  Die Abenteuergeschichte eines mutigen kleinen Hobbits ist der Schmetterling, der das epochale Legendarium rund um Mittelerde ins Rollen bringt. Bereits 1930 begann Tolkien unter dem Titel Der Hobbit Geschichten für seine Kinder niederzuschreiben, ohne zu ahnen, welche Welt sich aus dem kleinen Kinderbuch über Zauberer und Zwerge entwickeln sollte. Nun wurde dieser „Schmetterling der Weltliteratur“ neu vom Klett-Cotta Verlag herausgegeben. Doch unabhängig von seinem unbestreitbaren Einfluss stellt sich die Frage, ob dieses über 90 Jahre alte Buch heute noch als eigenständiges Werk lesenswert ist.

„In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit.“

Kaum ein Eröffnungssatz ist wohl so bekannt wie dieser und das vollkommen zu Recht. Mit nur einem Satz gelingt es Tolkien nicht nur, die Neugier der Lesenden unmittelbar zu wecken, sondern auch auf metaphorische Weise den Status quo seines Protagonisten zu skizzieren.

Der Hobbit Bilbo Beutlin lebt im friedlichen Hobbingen in einem komfortablen, beinahe luxuriösen Haus in einem Hügel.  Als vorsichtiger, bequemer und unscheinbarer Hobbit genießt er das ruhige, geregelte und monotone Leben in seiner Heimat. In seinen 50 Lebensjahren hat Bilbo Hobbingen nie verlassen. Abenteuer lehnt er grundsätzlich ab. Auch in seiner ganzen Denkweise verharrt Bilbo also in einem Loch an Normalität, Routinen und Zurückhaltung.

Eines Tages besuchen ihn unverhofft 13 Zwerge, allesamt Fremde, geschickt vom Zauberer Gandalf, den Bilbo bisher nur flüchtig kennt. Dieser hält den Hobbit für einen Meisterdieb und empfiehlt ihn den Zwergen, um ihnen bei der Rückeroberung ihres vom Drachen Smaug geraubten Schatzes zu helfen. Der bescheidene und doch neugierige Bilbo wird kurzerhand von der Abenteuerlust gepackt, lässt sich überreden und beginnt so mehr oder weniger freiwillig das größte Abenteuer seines Lebens.

Im Laufe der Geschichte wird sich Bilbo oft wünschen, an diesem Tag einfach in seinem beschaulichen Heim geblieben zu sein. Die Reisenden treffen nämlich auf mysteriöse Elben, verwunschene Wälder, riesige Spinnen, böse Orks, Trolle und allerlei andere Gefahren. Bilbo findet außerdem einen sonderbaren Ring (ja, DEN Ring), der ihm oft dienlich sein wird.  Bei jeder neuen Herausforderung wächst der kleine Hobbit über sich hinaus und rettet seine vermeintlich stärkeren Zwergenfreunde immer wieder aus aussichtslosen Situationen.

Am Ende des Abenteuers kehrt Bilbo nicht nur als Held, Diplomat und echter Meisterdieb zurück, sondern vor allem als ein ganz anderer Hobbit. Er ist selbstbewusster, abenteuerlustiger, kann Verantwortung übernehmen und sieht die Welt nun völlig neu. Eine Reise mit 13 Zwergen und einem Zauberer geht eben nicht spurlos an einem vorbei. 

„Wo Leben ist, da ist auch Hoffnung, hat mein Vater immer gesagt.“

Tolkien wählt in Der Hobbit eine bewusst einfache und zugängliche Sprache, die sich primär an ein jüngeres Publikum richtet. Aufgrund des Alters und der entsprechenden Übersetzung wirken manche Formulierung aus heutiger Perspektive stellenweise altbacken und für moderne Lesende ungewöhnlich. Diese Eigenheiten sind jedoch nicht negativ zu bewerten. Die schlichte Sprache sorgt für einen guten Lesefluss, während die stellenweise altmodische Ausdrucksweise dazu beiträgt, tief in die fantastische und entrückte Welt Mittelerdes einzutauchen.

Besonders hervorzuheben ist Tolkiens spielerischer Umgang mit Sprache. Wortwitze, Ironie und humorvolle Kommentare begleiten Bilbos anfängliche Ängstlichkeit und relativieren sie auf charmante Weise. Aber auch Dramatik kann das Buch immer wieder durch seine lebendigen Dialoge und überraschende Wendungen entfachen. Stilistisch sticht also vor allem eine Balance zwischen Leichtigkeit und Tiefe heraus. Eine schnell voranschreitende Handlung steht im Kontrast zu wohldosierten, teilweise sehr ausführlich-poetischen Landschaftsbeschreibungen. Gegen Ende des Buches gerät dieses Gleichgewicht allerdings ins Wanken, da viele offene Handlungsstränge etwas zu schnell beendet oder gar nicht erst gelöst werden, was die letzten Kapitel erzählerisch schwächt. Trotzdem wird zumindest die vollendete Entwicklung von Bilbo hin zum mutigen Helden gefühlvoll und überzeugend erläutert.

Auffällig ist zudem die starke Präsenz des Erzählers, der das Geschehen regelmäßig kommentiert und die Lesenden direkt anspricht. Während dieser Stil vermutlich die Nähe zur mündlichen Erzähltradition betont, kann er stellenweise die Immersion beeinträchtigen. Die witzig gemeinten Kommentare wirken eher störend und unpassend. An manchen Stellen werden mit Sätzen wie „Am Ende aber, wie ihr natürlich schon erratet habt, rettet er seine Freunde doch.“ sogar Teile der Handlung vorweggenommen. Das sorgt nicht für Neugier, sondern ganz im Gegenteil für Desinteresse. Auf unnötigste Weise wird das tiefere Eintauchen in die Welt des Hobbits immer wieder gestört.

Nichtsdestotrotz wird durch die Leichtigkeit der Erzählung, gepaart mit einer angemessenen Mischung aus Humor und Spannung, eine Geschichte entfaltet, die durch die zusätzliche Verwendung von Liedern, Reimen und Rätseln schon fast märchenhaft wirkt. Diese Vielseitigkeit macht das Geschriebene zeitlos und vermittelt eine gewisse Wärme, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Somit ist Der Hobbit nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch ein idealer Einstieg in die Welt Tolkiens.

„Gäbe es solche nur mehr, die ein gutes Essen, einen Scherz und ein Lied höher achten als gehortetes Gold, so wäre die Welt glücklicher.“

Wer ein Monumentalwerk à la Der Herr der Ringe erwartet, wird beim Hobbit etwas anderes finden, und zwar ein gutes Kinderbuch. Es ist mehr als nur eine einfache Abenteuergeschichte. Tolkien verbindet Humor, Spannung und Fantasie mit einer atemberaubend gestalteten Welt und einem Protagonisten, dessen Entfaltung fesselt und inspiriert.  Das Buch überzeugt durch erzählerische Leichtigkeit, die dennoch die Tiefe und Komplexität Mittelerdes erahnen lässt. Diese vielseitige Mischung verschafft dem Werk eine dichotome Funktion. Dem jungen Publikum eröffnet sich eine riesige Welt gespickt von Mut, Verantwortung und Freundschaft, die lebenslang prägen können. Erwachsene hingegen entdecken eine unterhaltsame Einführung in Tolkiens Mythos. Das Buch ist ein essenzielles Puzzleteil, um die komplexe Welt von Mittelerde in ihrer Gesamtheit begreifen zu können. Speziell diese Ausgabe überzeugt durch eine hochwertige Verarbeitung und ansprechende Illustrationen von Tove Jansson, die die Fantasie der Leser*innenschaft weiter anregen und die Geschichte für Kinder verständlicher machen. Manchmal schreitet die Geschichte aber doch schnell voran und verzichtet gerade an wichtigen Stellen auf ausführliche Erklärungen. Der für Tolkien so typische Detailreichtum steckt hier noch in den Kinderschuhen. Abschließend lässt sich sagen, dass Der Hobbit trotz kleiner erzählerischer Schwächen ein zeitloses und charmantes Werk bleibt, das auch generationenübergreifend den Zauber von Mittelerde vermittelt.

von Vincent Berwind

J.R.R. Tolkien
Der Hobbit
Aus dem Englischen von Wolfgang Krege
Klett-Cotta 2025
376 Seiten
35,00 Euro
ISBN 978-3-608-98888-8

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