„Geiz, wie ungeil!“
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John von Düffel, neuer Intendant des ETA Hoffmann Theaters, inszenierte bereits 2023 am Stadttheater Bremerhaven Molières Tartüff als Tartüff oder Der Geistige und liefert in seiner ersten Bamberger Spielzeit nun ebenfalls seine Fassung des Klassikers, unter der Regie von Cilli Drexel. Von Düffels schriftstellerischer Schwerpunkt zu Askese und Konsumverzicht findet sich in ,seinem‘ Tartüff wieder und er interpretiert Molières Stoff unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit.
„Geht es um Geld, oder um Liebe?“
Familienvater und Geschäftsmann Orgon (Stefan Willi Wang) ist pleite – und somit die gesamte Familie auch. Seine im Haus lebende Mutter, Madame Pernelle (Barbara Wurster), ist hoch verschuldet, seine zweite Ehefrau Elmire (Alina Rank) legt die Ehe als „Geld für Liebe, in guten wie in besseren Zeiten“ aus und seine beiden Kinder Damis (Leon Tölle) und Mariane (Esther Hilsemer) sehen das Erben als Karriere.
„Das Sparen der anderen ist süß, das eigene bitter.“
Doch Hausgast Tartüff (Marek Egert) – Moralapostel und Schmarotzer, wenn es nach den anderen Bewohnenden geht – predigt Konsumverzicht und Enthaltsamkeit und soll den in Saus und Braus Lebenden Verzicht lehren. Der perfekte Vorwand also für Orgon, dass ihm seine Familienmitglieder nicht mehr auf der Nase herumtanzen und in ihm primär einen Geldgeber statt Vater, Sohn und Ehemann sehen. Tartüff fordert, „[d]as Glück im Geist, statt im Konsum zu suchen“ und lässt harte Sparpolitik im Hause Orgons einziehen. Das süße Leben ist vorbei und die neue Realität schmeckt bitter – Tochter Mariane kommt bedauernd zur Erkenntnis, dass es „ein Riesenunterschied [ist], ob man Diät macht, oder nichts zu essen hat“ und selbst Madame Pernelle, die Tartüff vormals angeschmachtet hat, beschimpft ihn nun als „Nachhaltigkeitsnazi“. Tartüff sichert sein Regiment durch Propaganda. Er postuliert: „Der Blick in die Vergangenheit macht unglücklich“ und: „Wir müssen sparen – zuallererst an Nostalgie“.
„Tartüff will Sex und Geld, so wie alle“
Doch besonders Lebefrau Elmire erkennt, dass Tartüffs Gehabe mehr Schein als Sein ist. Sie verdächtigt ihn Wasser zu predigen, aber Wein zu trinken und will ihm das Handwerk legen. Ihre Taktik ist es, ihn mit ihren Waffen zu schlagen, oder besser: zu verführen.
Zwischen Askese und Hedonismus
Die Ausstattung (Anna Brandstätter) des Stücks ist von großer Symbolkraft. Zu Beginn setzt sich die Bühne aus einer mit veloursähnlichem Stoff überzogenen Quaderpyramide zusammen, auf der die Schauspielenden herumturnen. Es geht ständig hinauf und wieder hinab – das Mühsal des Emporsteigens, die Euphorie des Lebens im Wohlstand (wenn auch auf Pump) und der tiefe Fall, wenn das Geld nicht mehr reicht und man schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Die Kostüme der Familie erstrahlen in Facetten von Violett und unzählige Schleifen stellen den Prunk dar. Als Tartüffs Herrschaft des Geizes die zweite Hälfte des Stücks regiert, wird dies ebenso wirkungsvoll visuell transportiert. Die Rückseite der Quaderpyramide besteht nun nur noch aus Holzgestellen und die Kostüme fallen ebenfalls spartanisch aus. Es bleibt lediglich das Gestell unter dem Reifrock zurück, die violette Farbenpracht weicht nüchternen Beigetönen und nach Schleifen sowie kunstvollen Perücken sucht man vergeblich. Einzig Tartüffs graue Eminenz aus einer Mischung von Mönch und Steuerberater bleibt bestehen – doch bald zeigt sich, dass hinter dem Rollkragenpullover auch ein Mann aus Fleisch und Blut steckt. Egal, wie hochgeschlossen der Kragen, auch dieses Blut kann in Wallung geraten und die vermeintliche Enthaltsamkeit niederreißen.
Die Vorführung der dechiffrierten Scheinheiligkeit der Menschen lässt sich als Komödie gleich besser ertragen
Molières und auch von Düffels Tartüff ist eine Komödie, die unterhaltsam die Scheinheiligkeit des Menschen entlarvt. Als die verzogenen Gören und aspirierenden Erben Damis und Mariane realisieren, dass „den Gürtel enger schnallen müssen“, heißt, dass sie – Schock, Horror – der Lohnarbeit nachgehen müssen, steigert sich das Publikum von einem Lacher zum nächsten. Die Interaktion der Ehemann-suchenden Mariane mit Zuschauern als potenziellen Zukünftigen kam unter den Gäst*innen ebenfalls sehr gut an. Von Düffel legt ,seinen‘ Tartüff mehr auf Nachhaltigkeit aus und fragt, zu welchen Einschränkungen unsere Gesellschaft bereit ist und wann die Versuchung die Überzeugung dennoch übermannt. Eine kurzweilige Auseinandersetzung zwischen Hedonismus und Askese, zwischen Moral und unbekümmertem Egoismus, zwischen Liebe und Geld (oder lässt sich letzteres etwa vereinen?).
Weitere Vorstellungen finden am 18., 21., 23., 28. und 29. Januar sowie am 27. und 28. Februar statt. Vorstellungsbeginn ist jeweils um 19:30 Uhr, außer am 18. Januar bereits um 18 Uhr.
von Michaela Minder






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