Tan Twan Eng – Das Haus der Türen
Tan Twan Eng – Das Haus der Türen

Tan Twan Eng – Das Haus der Türen

Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere

Tan Twan Engs Roman Das Haus der Türen ist ein leises, aber eindringliches Werk, das sich langsam entfaltet und dabei die Grenzen zwischen Erinnerung, wahren Begebenheiten und Fiktion kunstvoll verwischt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Lesley Hamlyn, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert in den 1920er Jahren auf einem Anwesen in Penang (Malaysia) lebt. Ihr scheinbar geordnetes Leben wird durch den Besuch des befreundeten Schriftstellers Willie Somerset Maugham und seines Sekretärs aus den Bahnen geworfen. Nach und nach entfalten sich durch die Gespräche zwischen ihr und Willie Abläufe von Ereignissen, die schon viele Jahre zurücklegen und mit denen Geheimnisse aufgedeckt werden, die nie laut ausgesprochen werden sollten.

„Der Gedanke war mir nie gekommen: dass wir zwar in der Lage waren, unsere Vergangenheit, die Anfänge zu ändern – oder zumindest unsere Wahrnehmung davon –, kein Mensch jedoch das Ende seiner Geschichte bestimmen konnte.“

Die Handlung spielt überwiegend rund um das Anwesen der Hamlyns, doch Engs Erzählweise öffnet Türen zu verschiedenen Zeiten und Perspektiven. Spannungen zwischen den Figuren und die gesellschaftlichen Zwänge, die ihr Handeln bestimmen, werden mit der Zeit immer deutlicher – ohne dass der Roman auf einen klaren Höhepunkt oder eine eindeutige Auflösung zusteuert. Durch zeitliche Sprünge entsteht ein komplexes Geflecht aus Erinnerungen und Erzählungen, das auch Einblicke in Willies Sicht und die Entstehung seiner Texte erlaubt.

Besonders faszinierend ist die dreidimensionale Ich-Erzählerin Lesley, die sich in ihrer Ehe gefangen fühlt und sich dadurch mehr Selbstbestimmung wünscht. Ihr feministischer Blick auf die Welt wirkt reflektiert, aber zugleich von einer gewissen Doppelmoral durchzogen – ein Spiegel der gesellschaftlichen Widersprüche ihrer Zeit, die Frauen in kolonialen Strukturen und patriarchalen Gesellschaften einengen. Der Roman begleitet sie durch eine vergangene Liebesgeschichte und eine innere Entwicklung, durch die man sie innerhalb des historischen Settings immer besser verstehen kann – und das, obwohl sie eine Figur ist, die nicht unbedingt mit Sympathie punkten kann. So verwebt Eng Themen wie Kolonialismus, Klassenunterschiede, Homosexualität und Rassismus geschickt miteinander und verleiht dem Text damit mehr Tiefe.

Das Haus der Türen ist ein vielschichtiger Roman, der sich einer eindeutigen thematischen Fassung entzieht. Er erzählt von Erinnerung, Zugehörigkeit, gesellschaftlicher Enge und der Sehnsucht nach einem Gefühl von „Zuhause“. Tan Twan Eng schreibt in einer poetischen und atmosphärisch dichten Sprache, die nie aufdringlich oder prätentiös wirkt. Besonders die landschaftlichen Beschreibungen Malaysias verleihen dem Text neben seiner unterschwelligen Spannung eine fast meditative Ruhe.

Am Ende bleibt ein Werk, das weniger durch Handlung als durch Stimmung, Sprache und psychologische Feinheit überzeugt – ein Roman, der Türen öffnet zu Fragen nach Identität, Moral und Freiheit, ohne sie abschließend zu klären.

von Jule Dumke

Tan Twan Eng
Das Haus der Türen
DuMont 2025
352 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-7558-0018-7

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