Beñat Sarasola – Auf eine Cola mit dir
Beñat Sarasola – Auf eine Cola mit dir

Beñat Sarasola – Auf eine Cola mit dir

„Intimität, ein Raum, der im Winter kühl wird, die vertraute Geborgenheit benutzter Bettdecken und Laken – und all das fortan ohne jede Scham.“

Beñat Sarasola erzählt in Auf eine Cola mit dir fiktionalisiert, auf biographische und historische Recherchen gestützt, von Dichter und MoMa-Kurator Frank O’Haras Lieben und Leben.

„Having A Coke With You / is even more fun than going to San Sebastian, Irún, Hendaye, / Biarritz, Bayonne“ 

In Having A Coke With You, einem der bekanntesten Gedichte des US-Amerikaners Frank O’Hara finden sich Referenzen zu baskischen Städten. Angetan von seiner Poesie, spürt der baskische Schriftsteller Beñat Sarasola diesen Referenzen nach. O’Hara lebte von 1926 bis zu seinem Unfalltod 1966 und war 1960 Kurator der Ausstellung New Spanish Painting and Sculpture im Museum of Modern Art in New York. Sarasolas Auf eine Cola mit dir ist die Verflechtung von Biographischem und Fiktionalem in Romanform. Mit einer Bandbreite von formalen und perspektivischen Zugängen widmet sich der Autor O’Haras Gedichten, Kuration, Liebhabern sowie dem politischen und gesellschaftlichen Kontext, dem er in seiner Arbeit und seinem Leben der 1950er und 60er Jahre ausgesetzt war.

„Franks Umarmung ist nachdrücklicher als die von Vincent, und einen Augenblick lang gefällt ihm der Gedanke, ein ganzes Leben aneinandergeschmiegt dort zu stehen.“

„Franks schönste Gedichte [stammten] aus der damaligen Zeit […], weil Vincent auf der Bildfläche erschien und Frank in allem neue Inspiration gab.“ Vincent Warren (1938–2017) war Tänzer und O’Haras Geliebter. Als Muse für Having A Coke With You wirft Sarasola ein Schlaglicht auf die Beziehung der beiden. Vor allem die fiktionalen Passagen, die den Alltag und das Innere O’Haras sowie seiner Liebhaber nachzeichnen sollen, sind besonders atmosphärisch verfasst. Immer wieder schweift der Autor in O’Haras Perspektive in Anbetungen der Schönheit Vincents und seiner Sehnsucht ihm gegenüber ab. Aber auch andere Liebhaber sind als Figuren in Auf eine Cola mit dir wiederzufinden, denn „alle wissen um Franks Leidenschaft für charmante junge Männer; und auch Vincent war einer von ihnen“. Mit Joe LaSueur lebte O’Hara viele Jahre zusammen, an einem „idealen Ort für ihre undefinierbare Beziehung, mit Schlafzimmern auf beiden Seiten“ – Jahre, die auch O‘Haras Zeit mit Vincent umschlossen. Sarasola transportiert die Durchlässigkeit von Beziehungen: Liebe, die der Freundschaft weicht und in Companionship erstarkt. 

„Was nicht in Worte gefasst wurde, lässt sich auch durch Worte kaum berichtigen.“

Mit O’Haras Liebe für Vincent, der immer wieder für Engagements New York City und damit Franks Arme verlassen muss und will, schafft Sarasola einen universellen Resonanzraum für Liebe, die zwar nicht unerwidert bleibt, bei der aber die Hingabe nicht in gleichem Maße vorhanden ist oder zugelassen werden kann. Der gesellschaftliche Kontext für homosexuelle Liebe fließt leise, aber nachdrücklich ein. Die Essenz des titelgebenden Gedichts, die Gesellschaft des Geliebten, die die einfachsten, alltäglichen Dinge wunderschön macht, zeigt ihre Schattenseiten, wenn sich buchstäblich der Schatten der Abwesenheit über den Liebenden legt. „Die Süße des geteilten Augenblicks“ schafft es, die Sorgen und Ängste zu verdrängen, doch sobald der flüchtige Geliebte wieder fort ist, wird man von der dunklen Stimmung wieder eingenommen. Sarasola nimmt selbst eine poetische Sprache ein, um diesen Eskapismus durch Liebe einzufangen.

„Wieder ist mir aufgefallen, dass ich nicht weiß, wo ich mich einordnen soll. Die Schwulen hassen mich, die heterosexuellen Maler lieben mich. Es scheint mein Schicksal zu sein. Auch in Spanien.“

Sarasola vereint in Auf eine Cola mit dir die Homosexualität des Dichters mit der Kulturpolitik Spaniens anhand seiner Kuration der MoMa-Ausstellung. Der Roman beleuchtet intensiv die Herausforderungen, 1960 eine Ausstellung baskischer Werke und Künstler in den USA zu kuratieren. Von den Schwierigkeiten der Kommunikation zur damaligen Zeit „über den großen Teich“ bis hin zur komplexen Oszillation zwischen internationaler Isolation und internationaler Anerkennung von spanischer Kunst unter dem Franco-Regime, bettet der Autor eine kunsthistorische Analyse in einen formdiversen Roman.

Von einem Dichter unter Malern

Auf die nicht chronologische Anordnung der Kapitel muss man sich einlassen und auch die Pluralität der Textformen und Perspektiven fordert zu Beginn heraus – erweist sich jedoch bald als Bereicherung. Die genannten romanhaften Passagen, die sowohl O‘Haras als auch LaSueurs Perspektive einnehmen, wechseln sich ab mit Kapiteln, die Tagebucheinträge O’Haras oder fiktive Interviews wiedergeben, die den politisch-künstlerischen Kontext der Zeit erklären sollen. Artikel der New York Times und von Art News brechen die Perspektiven weiter auf und zeigen als Quellen die zeitgenössische Rezeption der Ausstellung. Gelegentlich stolpert man über Leerstellen fehlender Schlusspunkte oder Artikel und manchmal irritieren Unstimmigkeiten der Übersetzung wie „folgen ihm auf Schritt im Tritt“ – Fehler, die im Lektorat hätten beseitigt werden müssen, aber das Leseerlebnis nicht erheblich schmälern. Ein Herausstellungsmerkmal von Auf eine Cola mit dir ist die umfassende Recherche, die Sarasola für den Roman leistete und die illustriert wird durch Abbildungen von Quellenmaterial wie Fotografien, Briefen, Zeitungssauschnitten und Gedichten, die den Text ergänzen. Beñat Sarasolas Auf eine Cola mit dir ist für Liebhaber*innen der Poesie und der Kunst, für diejenigen, die sich für die kulturpolitischen Dimension des Franco-Regimes oder aber für queere Geschichte interessieren, für Fans baskischer Literatur und natürlich für Bewunder*innen von Frank O’Haras Werk.

von Michaela Minder

Beñat Sarasola
Auf eine Cola mit dir
Aus dem Baskischen übertragen von Cristina Bendel
S. Marix Verlag 2025
288 Seiten
24,00 Euro
ISBN 9783737412636

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