Queere Kunst der Moderne
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Im Hirmer Verlag erschien die Buchhandelsausgabe des Ausstellungskatalogs zu Queere Moderne 1900 bis 1950 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die vom 27. September 2025 bis 15. Februar 2026 zu sehen ist. Die Ausstellung sowie der Katalog umfassen Werke und Künstler*innen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und nehmen einen queeren Blick auf die Moderne ein. Selbstbild, Identität und Begehren werden von queeren Künstler*innen verhandelt – auch vor dem Hintergrund ihrer Zeit – und anhand einer Auswahl im von Susanne Gaensheimer, Anke Kempkes und Isabelle Malz herausgegebenen Katalog präsentiert sowie mithilfe von Essays, die den Kontext erschließen, diskutiert. Umschlossen von einem Prolog sowie einem Epilog widmet sich der Band sechs inhaltlichen Kapiteln: modernes Arkadien, sapphische Moderne, surreale Welten, queere Lesarten, queere Avantgarde und intime Netzwerke sowie queerer Widerstand seit 1933.
Queere (Kunst-)Geschichtsschreibung
Eingangs wird die historische Ambivalenz des Begriffs „queer“ thematisiert und die Herausforderung zu queerer Geschichtsforschung anerkannt. Ebenfalls wird zu Beginn das Spannungsfeld diversitätssensibler Sprache zwischen zeitgenössischem Sprachgebrauch, aktueller Forschung und heutiger gendergerechter Formulierungen diskutiert. Mehrere, mitunter konträre Argumentationen werden dargelegt und letztlich die verantwortende Entscheidung in die Hände der jeweiligen Autor*innen gelegt. Leider gelingt ihnen teilweise keine konsequente Umsetzung und die pluralistischen Formen lassen den Eindruck von Inkonsistenz für den Band entstehen. Dieses Ergebnis ist schade, da der Ansatz so vielversprechend ist.
„Die künstlerische Moderne und die Homosexualität als ,zweieiige Zwillinge’“
Alle inhaltlichen Kapitel beginnen mit einer dunkelblauen Seite mit einer kleinen Auswahl von Fotos, Dokumente oder Zitaten, die von jeweils charakterisierender Bedeutung sind. Dieser ansprechende Aufmacher für die Kapitel wird gefolgt von mehreren Seiten auf denen Werke der Künstler*innen alleinstehend präsentiert werden. Dadurch, dass den Darstellungen so viel Raum gegeben wird (ein bis zwei Bilder pro Seite), wird klar, mit welcher Achtsamkeit sich der Kunst gewidmet wird. Vollendet werden die Kapitel durch Essays, auf hellblau markierten Seiten, die sich inhaltlich mit maßgeblichen Aspekten der jeweiligen Thematik auseinandersetzen und den Kontext einordnen. Die Autor*innen Jonathan D. Katz, Diana Souhami, Isabelle Tondre, Anke Kempkes, Titza True Latimer und Isabelle Malz nehmen Bezug auf die zuvor abgebildeten Werke und erweitern den Blick mit anderen Werken. Letztere werden oftmals lediglich genannt, sodass Lai*innen oder auch Personen, die nicht den gesamten Kanon der queeren Kunstmoderne präsent haben, parallel die Werke selbst im Internet nachschlagen müssen, um den Informationswert der Essays am besten verinnerlichen zu können. Auch wenn man sich im ersten Moment wünscht, dass diese Werke ebenfalls im Katalog abgebildet wären (einige wenige sind in den Fließtext im kleineren Format eingefügt), erkennt man schnell, dass das den Rahmen sprengen würde. Der Text ließe sich mit den gesamten Referenzdarstellungen nur schwer graphisch in Einklang bringen und die Werke würden dann nicht den Raum bekommen können, der die vorherige Betrachtung der Werke so andächtig werden lässt. Die Fußnoten der Beiträge sind am rechten Rand angebracht, was ungewohnt, aber erstaunlich ästhetisch ist, ohne unpraktisch zu sein. Eine reizende typografische Designentscheidung ist die Verwendung der Ligatur, sodass sich die Glyphen der i-Punkte elegant zu einem Bogen mit dem darauffolgenden t-Strich oder einem vorherigen g-Schwung verbinden. Solche Details mögen klein erscheinen, werten aber den Gesamteindruck eines solchen Buches ungemein auf. Der Katalog ist zweisprachig – auf Deutsch sowie auf Englisch – verfasst und somit für eine breite Leser*innenschaft zugänglich.
Eine Einladung zum Staunen, Verstehen und sich Verlieren
Der Ausstellungskatalog Queere Moderne 1900 bis 1950 lädt dazu ein, anhand der umfangreichen Aufsätze mehr über die queere künstlerische Moderne zu verstehen. Die eindrucksvolle Aufbereitung der Werke lässt die Leser*innen in Bewunderung ob der Kunst zurück – sicher kristallisieren sich Lieblinge heraus, Werke, von denen man sich besonders angesprochen fühlt. Man droht regelrecht sich in den Seiten des Katalogs zu verlieren, blättert immer wieder hin und her, nochmal zu einem Gemälde zurück, das eine besondere Sogwirkung auf eine*n hat, oder zieht Parallelen zwischen zwei Textbeiträgen. All diese Möglichkeiten werden in diesem Katalog der Ausstellung Queere Moderne 1900 bis 1950 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen vereint. Letztlich besticht auch schlicht die schöne Aufmachung der Buchhandelsausgabe mit einem rosa-beigen Einband, die das Selbstportrait (Spiegelbild im Spiegel, karierte Jacke) von Claude Cahun von 1928 schmückt.
Einen Besuch in der Ausstellung ist allemal zu empfehlen und lässt sich perfekt vervollständigen mit dem Ausstellungkatalog, sodass man immer wieder zu den Werken zurückkehren sowie die Kontexte mit den Textbeiträge vertiefen kann.
von Michaela Minder

Susanne Gaensheimer, Anke Kempkes, Isabelle Malz (Hg.)
Queere Moderne
Hirmer 2025
304 Seiten
49,90 Euro
ISBN 978-3-7774-4588-5