Tommie Goerz – Im Schnee
Tommie Goerz – Im Schnee

Tommie Goerz – Im Schnee

„Max stand noch immer am Fenster. Irgendwie war alles voll Schorsch.“

Tommie Goerz erzählt in seinem neuen Roman Im Schnee, der Parallelen zu seinem vorherigen Roman Im Tal aufweist, vom Aussterben der Dörfer, von der zweischneidigen Mentalität ihrer Bewohner*innen und von der Liebe, die droht im Schweigen zu ersticken.

„Wie würde es ohne den Schorsch weitergehen? Irgendwie. Es ist immer weitergegangen, wenn einer gestorben war. Es würde auch nach ihm weitergehen. Und trotzdem war alles anders.“

Im Schnee beginnt mit dem Läuten des Totenglöckchens, das die winterliche Stille durchbricht. Wenn jemand im Dorf stirbt, erfährt man es auf diese Weise. Es schlägt für Schorsch und Protagonist Max bricht auf zu dessen Totenwacht. Das Umfeld des Verstorbenen kommt zusammen, um ihm zu gedenken, mit Geschichten sein Leben Revue passieren zu lassen und sich zu verabschieden. Die erste Hälfte der Nacht wachen die Männer und die zweite Hälfte bis in den Morgen hinein die Frauen, denn „das war schon immer so und wird auch immer so bleiben“. Max jedoch „wollte die ganze Nacht beim Schorsch wachen. Sie waren doch so viel beieinander gewesen, und heute zum letzten Mal“ und „[w]enn er bei den Frauen war, war es anders als bei den Männern. Da konnte er anders sein. Als wäre er einer von ihnen“.

Das Dorf als Ort für Traditionen, die Halt geben und Konventionen, die erdrücken

In stiller Reflexion oder im Gespräch mit den anderen alteingesessenen Dorfbewohner*innen tariert Goerz das dörfliche Leben aus. Der Zusammenhalt, den man eingeschworenen Dorfgemeinschaften nachsagt, wird deutlich, wenn sich alle versammeln, um Schorsch zu gedenken, wenn aus den Gesprächen hervorgeht, was man schon gemeinsam durchgestanden hat. Allerdings ist Im Schnee keine verklärte, romantisierte Schau auf ein Leben, das zunehmend verschwindet, sondern die Schattenseiten, die von Unbarmherzigkeit zu Brutalität reichen, werden ebenfalls austariert. Die Ablehnung reicht von den Zugezogenen der Neubausiedlung und Durchreisenden, mit denen man nie ganz warm wird und werden will, bis zu eskalierender Fremdenfeindlichkeit. Die Härte des Lebens fordert seine Verluste. Der raue Umgangston ist zwar ehrlich, steht aber auch der Verbindung der Menschen im Wege – falscher Stolz und Starrsinn kann schwerwiegende Folgen haben. Goerz scheut sich nicht davor, diese Ambivalenz abzubilden.

„Ist am Schweigen zerschellt. Man sprach halt nur über die Arbeit und das Vieh. Über die Liebe? Die war ein Teufelszeug, immer schon gewesen. Ein Leben lang hatte der Max dagegen angekämpft und sie verborgen. Nur im Schweigen und Vergessen lag das Heil.“

Die besondere Bedeutung, die Schorsch für Max hat, bleibt unausgesprochen und schwingt dennoch unaufhörlich mit. Sie oszilliert zwischen „Aber ein Freund? Der war halt immer da gewesen“ und einem geteilten Leben miteinander, in dem Korsett, das die Konventionen des Dorfes erlaubten. Diese Nuancen fängt Goerz ein und zeichnen den Roman aus.

Der Schorsch, die Maicherd und der Spercks Anton

Der Erlanger Autor lässt den Roman in der fränkischen Provinz spielen und transportiert dies auch sprachlich. Artikel vor dem Namen und der Nachname zuerst – der Schorsch wird noch als Georg erklärt, aber wer selbst aus Franken kommt und tendenziell älter ist, weiß, dass mit ,die Maicherd‘ Margarete gemeint ist. Zwar werden die Dialoge nicht im Dialekt wiedergegeben, sondern die Schrift bereinigt, aber der Wortlaut bleibt trotzdem gleich: Kurz angebunden, wortkarg, um nicht zu sagen mundfaul und direkt, typisch für den Sprachraum und die Generation von Max und den anderen alten Dorfbewohnenden. Für Leser*innen, die Großeltern vom (mittelfränkischen) Land haben, ist dies besonders schön, da man sie wiedererkennt in den Aussagen und den Verhaltensweisen der Figuren. Auch falls man im ersten Moment fröstelt, wenn man nach den ersten zwanzig Seiten schon liest: „Er musste vorsichtig gehen, unter dem Schnee konnte es glatt sein. Vielleicht sollte er sich die Schuhe mal neu besohlen lassen, dann hätte er mehr Profil. Aber wo? Den Spercks Anton hatten sie vorletztes Jahr begraben, der hatte so etwas noch gekonnt.“, ob das nicht etwas erzwungen und dick aufgetragen ist, um das Aussterben des dörflichen Lebens zu veranschaulichen, weiß man, wenn man die Referenzkontakte hat, dass es dennoch authentisch ist.

Leise wie der Schnee

Goerz‘ Wahl eines winterlichen Settings, um die Vergänglichkeit des Lebens – im Dorf und der Menschen – sowie die Isolation – räumlich und emotional – zum Ausdruck zu bringen, ist überaus gelungen. Der bedachte, leise Erzählton fängt die Atmosphäre eindringlich ein. Die Ruhe der Geschichte ist nicht gleichzusetzten mit mangelnder Intensität, sondern der Roman entfaltet genau dadurch seine Eindringlichkeit. Eine ergreifende Erzählung, deren wenigen Seiten so viel mehr innewohnt.

von Michaela Minder

Tommie Goerz
Im Schnee
Piper 2025
176 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-492-07348-6

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