„Keep your heart open.“
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CW: Krankheit, Tod von Kindern (dieses Inhaltswarnung sollten sich Eltern nachdrücklich zu Herzen nehmen)
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Basierend auf Maggie O‘Farrells Roman feierte die gleichnamige Filmadaption Hamnet unter der Regie von Chloé Zhao eine erfolgreiche Premiere. Der Film erhielt bereits diverse Auszeichnungen und zahlreiche Golden Globe- sowie Oscar-Nominierungen. Ein verheißungsvoller Film, dessen Lob dem deutschen Kinostart vorauseilt. Das ODEON Kino Bamberg zeigt sowohl die deutsche Fassung als auch Vorstellungen der englischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
„Speaking with people is sometimes difficult for me.“ „Tell me a story then.“
1580 im ländlichen England verliebt sich der als Lateinlehrer arbeitende Will (Paul Mescal) in Agnes (Jessie Burkley), der nachgesagt wird, eine Waldhexe zu sein. Das junge Paar findet sein Glück in einer jungen Liebe, trotz des anfänglichen Widerspruchs ihrer Familien, und in ihren drei Kindern: Susanna (Bodhi Rae Breathnach) sowie den Zwillingen Judith (Olivia Lynes) und Hamnet (Jacobi Jupe). Doch Will reicht dieses Glück nicht aus. Agnes erkennt: „This little life crushes him.“ Damit ihn die Provinz nicht erdrückt, ermöglicht sie ihm, nach London zu gehen. Die Stadt bietet für ihn mehr Möglichkeiten – auch für seine dramaturgische Selbstverwirklichung. Doch das familiäre Glück findet ein jähes Ende, denn das England des 16. Jahrhunderts ist fest im Griff des schwarzen Todes. Hamnet stirbt mit zehn Jahren an der Pest. Von der Trauer getrieben, nimmt sich der Dramaturg diesem Verlust so an, wie er es kann: Er schreibt ein Stück, um seinem Sohn zu gedenken.
„He can’t have just vanished. He must be somewhere. All I have to do is find him. I look for him everywhere, in every street, in every crowd, in every audience.“ „We may never stop looking for him.“
Zhao spürt Verlust und Trauer in einem Ausmaß nach, das seinesgleichen sucht: Angefangen bei dem frühen Tod von Agnes’ Mutter über die damals hohe Kindersterblichkeitsrate bis hin zu dem unermesslichen Leid, als Eltern das eigene Kind vor sich sterben zu sehen. Anhand von Vater und Mutter tariert Zhao zwei Weisen mit dem Tod des eigenen Kindes umzugehen aus – konträr im Umgang, aber geeint im Schmerz. Agnes zerbricht an der Ohnmacht, alles versucht zu haben und ihren Sohn dennoch nicht retten zu können. Wie im Wahn versucht sie es mit jedem heilspendenden Kraut, das sie kennt, und dennoch verstirbt Hamnet in ihren Armen – allein in ihren Armen, da Will nicht rechtzeitig aus London zurückkehren kann. Ihr Unverständnis für seine Art der Traumabewältigung, nach London ans Theater zurückzukehren, befeuert die Entfremdung des Paares. Will verarbeitet den Verlust, den er genauso spürt, wie es ihm am nächsten liegt – mit dem dramaturgischen Denkmal Hamlet.
„I am a forest witch. I am my mother‘s daughter.“
Burkley trägt den Film – ihre Figur Agnes ist der Dreh- und Angelpunkt aller Beziehungen, auch wenn sich das familiäre Leben nach Will ausrichtet. Agnes wird als anders, als nicht konform von ihrem Umfeld wahrgenommen und bekommt das in Mechanismen der sozialen Kontrolle zu spüren. Die degradierende Nachrede, sie sei eine Waldhexe, ist zweidimensional. Das moosbewachsene Wurzelwerk im Wald ist ihr sicherer, kraftspendender Rückzugsort – dort gebärt sie auch selbstbestimmt und geborgen ihr erstes Kind. Diese Naturverbundenheit wird von ihrem Umfeld als nicht ,normal‘ und damit nicht rechtens verurteilt. Hier kommt die zweite Ebene zu tragen: Ihr umfassendes Wissen zu den Wirkungen von Pflanzen, weitergegeben von ihrer Mutter, das sie zur Heilerin qualifiziert, beschert ihr ebenfalls Argwohn und Ablehnung. Der Kontext der Hexenverfolgung wird hier effektiv verwoben, ohne ihn dezidiert auszusprechen.
„[My mother] came out of the the woods. Like her mother and her mother.“
Eine weitere Stärke des Films ist die Widmung der Komplexität, in der die Frauen zueinanderstehen: Agnes’ verstorbene Mutter, ihr Verhältnis zu ihrer Stiefmutter und zu ihrer Schwiegermutter sowie die Beziehung zu ihren eigenen Töchtern. Die Frauen, die sie in ihrer angeheirateten Familie umgeben, zeugen von der Rauheit, mit der Zwischenmenschlichkeit im Angesicht einer bestimmten Lebensrealität ausgetragen werden kann und sind dennoch in Momenten der Geburt und des Todes die größte Stütze. Dieses Changieren findet seinen Höhepunkt, als Agnes für ihre zweite Geburt auch wieder in den Wald will und sie die Frauen aufgrund eines Hochwassers zurückhalten und gewaltvoll zwingen, im Haus zu gebären. Der Waldhexe wird ihr Wald genommen. Auch wenn es in diesem Moment gerechtfertigt ist, zeugt es dennoch von dem Kampf, den Agnes für ihr Wesen und ihre Intuition ausfechten muss. Dem steht der Unwillen, der ihr von den anderen Frauen entgegenschlägt, nur um ihr zwar grob, aber beständig auf ihre Art zu helfen, gegenüber.
„I‘m going to be brave.“
All diese inneren Konflikte und Motive schlagen sich in der Symbolik des Films nieder. Aufnahmen ruhiger Naturszenen dominieren den Film: knorrige Wurzeln, moosbedeckte Bäume, weite Wiesen, ein Garten voller Kräuter. Diese Atmosphäre kommt auch in der Musik (Max Richter) zum Ausdruck, die eher sanft die Geräusche des Waldes wiedergibt. Dennoch scheut der Film nicht davor bedachte Szenen auch im Stillen wirken zu lassen.Eine wirkungsvolle Kameraeinstellung, die diese Symbolträchtigkeit widerspiegelt, folgt auf die nächste. Frau und Kinder, die lachend durchs Feld toben, die Szene birst fast vor Glück, erscheint traumartig, zu schön, um wahr zu sein. Das Ehebett schmücken zu Beginn der Beziehung orangerote Farbakzente durch Stoffe, die nach dem Tod Hamnets einem kühlen Petrol weichen. Auch Agnes’ Kleid wirkt fahler, bleibt dem Farbschema zwar treu, aber wird gedämpfter, dunkler. Eine Einstellung, zentral auf die Feuerstelle der Küche mit einem langen davorgeschobenen Tisch, dient als Versinnbildlichung des Kommens und Gehens Wills und der mit jeder Verabschiedung zunehmenden Entfremdung des Paares. Am wohl eindrücklichsten bleibt die wiederkehrende Einstellung auf das Kinderzimmer zurück, das, an einer vertikalen Achse gespiegelt, die Zwillingsbetten von Judith und Hamnet darstellt, bis nach seinem Tod die rechte Seite, seine Seite, zur Leerstelle wird. Shakespeares Bedeutung von Sprache findet sich ebenfalls in der Symbolik des Films wieder. Was anfangs ein harmloses Verwechslungsspiel der Kinder ist, wird zu einem verzweifelten Versuch des Tauschhandels mit dem Tod. Shakespeares berühmter Ausspruch „To be, or not to be“ bekommt vor dem Hintergrund des Todes des Sohnes eine ganz neue Tiefe.
Die Nominierungen halten, was sie versprechen
Das Casting ist nicht ohne Grund für einen Oscar nominiert. Die Schauspielenden bereichern den Film so ungemein, dass man voller Bewunderung zurückbleibt. Das Zwillingspaar Hamnet und Judith, gespielt von dem 12-jährigen Jupe und der 14-jährigen Lynes, versetzt die Zuschauer*innen in sprachlos Staunen: Die besondere Bindung der Zwillinge wird so greifbar, dass sich vor allem die Abschiedsszenen der beiden tief einprägen. Jupes überzeugende Darstellung von Hamnet bedarf oft nur weniger Worte, allein seine Mimik erzeugt eine große Wirkung. Doch gerade sein herzzerreißendes „Mama“ lässt viele Tränen im Kinosaal fließen. Als Will und Agnes sich kennenlernen und er sich ihr im Wald mit einem verschmitzten „Hello“ annähert, sieht und hört man als Zuschauer*in sofort den Mescal’schen Charme, das „Hello“ identisch zu dem, mit dem er in Normal People als Connell Marianne für sich gewinnt. Besonders Buckley sticht mit ihrer Schauspielleistung hervor: Agnes wirkt nahezu wie ihre geliebte Natur – ehrlich, fast roh. Besonders eindringlich sind die Szenen, in denen die Trauer sie fast zu zerreißen scheint. Neben ihrer körperlichen Schauspielkunst genügen in der finalen Szene lediglich Blicke, die ohne Worte Verständnis, Aussöhnung und Abschied erschaffen. Besonders das schiefe Grinsen Burkleys, das sie Agnes leiht und damit so treffend deren Charakter transportiert, ist eine Freunde und entfaltet vor allem in der finalen Schlüsselszene seine Wirkung. Eine hervorragende Leistung, die bereits bei den Golden Globes mit dem Preis für Beste Hauptdarstellerin – Drama ausgezeichnet wurde und nun ebenfalls mit dieser Nominierung spannungsvoll auf die Oscars blicken lässt.
Hamnet und Hamlet
Im Roman als auch im Film wird eingangs erklärt, dass im England des späten 16. Jahrhunderts die Namen Hamnet und Hamlet synonym verwendet wurden. O‘Farrell im Roman und Zhao in der Filmadaption stützen Hamnet lose auf dem Wenigen, das von William Shakespeares Biografie bekannt ist. Shakespeare hat einen Sohn namens Hamnet verloren, jedoch ist nicht klar, ob dieser ihn zu einem seiner bekanntesten Stücke Hamlet inspirierte. Vielmehr muss Hamnet als fiktive Auseinandersetzung mit Trauer und der kathartischen Kraft der Kunst gesehen werden.
Hamnet überzeugt mit dem brillanten Schauspiel der Darstellenden und der Komposition einer einnehmenden Atmosphäre durch Szenenbild und Musik. Der symbolträchtige Film entfaltet mit all seinen Referenzen seine Wirkung. Der Kinobesuch ist zu empfehlen – aber nur gewappnet mit Taschentüchern.
Eine weitere Vorstellung in der Engl. OmU findet am 11. Februar um 20:45 Uhr statt. Die deutsche Fassung ist täglich bis zum 11. Februar zu sehen und überwiegend zu zwei Spielzeiten: am 3. und 4. Februar jeweils um 16 Uhr, sowie am 4. Februar zusätzlich um 20:45 Uhr; am 5. bis 9. Februar jeweils um 16:45 Uhr und 20:35 Uhr; am 10. und 11. Februar um 16:00 Uhr. Alle Vorstellungen werden im ODEON Kino Bamberg in Saal 2 gezeigt.
von Lina Laufenberg und Michaela Minder

Chloé Zhao
Hamnet
USA 2025
125 Minuten
FSK 12








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