Johannes Thon – Der Rucksack war nie mein Zuhause
Johannes Thon – Der Rucksack war nie mein Zuhause

Johannes Thon – Der Rucksack war nie mein Zuhause

Essen, rennen, schlafen – vom Alltag eines Pilgers

Obwohl Johannes Thon nie Schriftsteller werden wollte, veröffentlichte der studierte Sozialpädagoge seinen Reisebericht Der Rucksack war nie mein Zuhause. Darin erzählt er von seinen Erfahrungen auf dem Jakobsweg, genauer gesagt dem 831 km langen Camino del Norte. Der gebürtige Thüringer entschied sich nach der Trennung von seiner Freundin fürs Pilgern.

„In meinem Kopf stehen all die Stimmen und Gedanken ungeduldig Schlange und wollen ihre Anliegen loswerden. Die Angst erkundigt sich, wie es jetzt in meinem Leben weitergeht, die Skepsis stellt diesen Weg infrage, die Hoffnung möchte von der nächsten Romanze träumen, die Dankbarkeit mir von Paris erzählen, die Trauer von der gescheiterten Beziehung und mein verletztes Ich von all den seelischen blauen Flecken.“

Das Buch, welches wie ein Tagebuch aufgebaut ist, gliedert sich in zwei Teile und umfasst 45 Tage. Der erste Teil enthält seine Reise von Irun bis Santiago de Compostella und der zweite Teil widmet sich, daran anschließend, einem einwöchigen Abstecher nach Fisterra und Muxia an der spanischen Küste. Unterwegs macht sich Thon zahlreiche Gedanken über das Leben und reflektiert gemeinsam mit unterschiedlichsten Weggefährt*innen seine bisherigen Erlebnisse. Mal gemeinsam, mal alleine läuft er von Herberge zu Herberge, immer auf der Suche nach einem freien Bett. Während er täglich ca. 25 km zurücklegt, stärkt er sich mit Nudeln, Baguette und Kichererbsen, denn als Veganer fällt es ihm nicht leicht, unterwegs abwechslungsreiche Mahlzeiten zu finden.

„Rede über das Leben, sonst wird es dir nicht erzählen.“

Diese und andere kalenderspruch-ähnliche Erkenntnisse gewinnt er auf seiner Reise und notiert sie stolz in sein Pilgertagebuch. Für Leser*innen wirken sie vermutlich nicht alle so tiefgründig wie für den Autor, auch wenn sie meist am Ende einer ausführlich erzählten Anekdote aus Thons Leben stehen.  Der Jakobsweg lädt dazu ein, nach vielen verschiedenen Dinge zu suchen und obwohl Thon nur nach einem sucht, findet er vieles mehr: „Ja, diese Reise ist für mich nicht bloß eine Stippvisite in einem fremden Land – kein Jakobswegabenteuer, kein Gewaltmarsch und kein sportliches Unterfangen. Ich habe gar nicht vor, in Postkartenmotive oder Bildschirmschonerlandschaften einzutreten. Genauso wenig suche ich hier nach Spiritualität, guten Geschichten, Liebe oder nach Freunden. Ich suche nichts weniger als mich selbst.“

Wortreich und sehr ausführlich berichtet Thon aus seinem Leben. Er schenkt Einblicke in seine Kindheit, seine Schulzeit und sein Studium. Dabei ist das Verhältnis von fröhlichen und herausfordernden Momenten sehr ausgewogen. Seinen täglichen Bericht vom Jakobsweg reichert er mit detaillierten Landschaftsbeschreibungen an und hat bei jeder Gelegenheit eine mehr oder weniger passenden Vergleich bereit.

„In der Herberge geht es oft zu wie auf diesen schrottverdichteten Parkplätzen voller Gebrauchtwagen – stets mit dem Blick auf den aktuellen Kilometerstand.“

Zwischendurch denkt er ebenfalls regelmäßig über „die richtige Art zu Pilgern“ nach. Er sammelt verschiedene Gründe fürs Turbopilgern, macht sich selbstironisch über deutsche Pilger mit Raimund-Wanderführer lustig – während er selbst einen nutzt – und schimpft über alle, die unschöne Strecken mit dem Bus abkürzen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Der Rucksack war nie mein Zuhause eine unterhaltsame und authentische Reiselektüre ist. An einigen Stellen hätten dem Buch Kürzungen gutgetan, denn die ausführlichen Anekdoten wirken manchmal etwas langatmig. Wer jedoch Lust hat, auf ein umfangreiches Buch über Erfahrungen auf dem Jakobsweg hat, für den ist es zu empfehlen.

von Jasmin Fuchs

Johannes Thon
Der Rucksack war nie mein Zuhause
National Geographic Deutschland 2025
352 Seiten
17,99 Euro
ISBN 978-3- 98701-137-5

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