Schöner Schein?
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CW: Alkoholismus, Drogenkonsum, Gaslighting, Kindesvernachlässigung, Krebs, toxische Beziehung, Trauma
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Die Garnett Girls, bestehend aus Mutter Margo und ihren drei Töchtern Rachel, Imogen und Sasha, haben es nach vielen kräftezehrenden Jahren offenbar geschafft, sich ein Leben nach ihren Vorstellungen aufzubauen: Mutter Margo genießt nach ihrer gescheiterten Ehe ein ausgiebiges Partyleben mit durchgetanzten Nächten und zahlreichen Affären. Ihre Töchter machen Karriere und haben ein erfülltes Privatleben. Doch der schöne Schein trügt, denn eigentlich ist keine der vier Frauen glücklich. Vielmehr leiden sie alle auf ihre Art unter den Geistern der Vergangenheit – und auch ihre Gegenwart stellt sie vor neue Geheimnisse und Probleme.
„Das Meer fühlte sich wie ihr einziger Freund an, die einzige Konstante in ihrem Leben“
Neben dem vielversprechenden Klappentext zieht Georgina Moores Roman bereits beim ersten Blick auf das gelungene Buchcover Aufmerksamkeit auf sich. Das ist nicht nur wunderschön, sondern weist bereits auf den Lebens- und Romanmittelpunkt der Garnett Girls hin: Der Familiensitz, ein Anwesen auf der Isle of Wight, liegt direkt am Strand. Die Autorin selbst bezeichnet die Insel als ihren persönlichen Happy Place, weswegen es nicht verwundert, dass das Setting, das mit viel Liebe zum Detail beschrieben wird, eine Stärke des Textes ist.
Wer an grauen, kalten Wintertagen zuhause eine Prise Eskapismus sucht oder den Figuren als Begleitung für den nächsten Urlaub am Meer durch eine passende Szenerie folgen möchte, wird hier sicherlich fündig. Aufgrund der vielen Orts-, Zeit- und Perspektivwechsel geht allerdings etwas von dieser eigentlichen Stärke verloren. Der Roman führt von der Insel nach Venedig, London und wieder zurück, setzt seitenlange Rückblenden und Briefe ein, wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Figurenperspektiven hin und her. Das kann durchaus gelingen und dazu dienen, einen Lesesog entstehen zu lassen und einer Geschichte mehr Tiefe zu verleihen, gelingt hier allerdings weniger.
Viel Lärm um nichts
Da es sich bei Die Garnett Girls um eine Familiensaga handelt, verwundert es nicht, dass der Roman multiperspektivisch angelegt ist. Dennoch verschenkt Moore durch ihre Art, mit diesem Aufbau umzugehen, einiges an Potenzial. So begleiten die Lesenden die vier Frauen häufig nicht bei entscheidenden Ereignissen, im Gegenteil: Ein Streit, der viele Seiten lang auszubrechen droht? Ein lange notwendiges, klärendes Gespräch? Das Kennenlernen zweier zentraler Figuren? Nichts davon dürfen die Lesenden mitverfolgen. Belanglose Ausschweifungen nehmen viel Platz ein, während zuvor mehrfach angeteaserte Konflikte, Entscheidungen und Entwicklungen nie auserzählt, sondern stets in einem Halbsatz abgefertigt werden. So entsteht kein Lesesog, nein, das Leseerlebnis wird durchzogen von wiederkehrender Frustration, wenn ein Geheimnis oder Plot-Punkt erneut dramatisch aufgebauscht wird – nur, um dann wieder einmal fast vergessen zu werden. Der im Klappentext und auf den ersten Seiten versprochene Tiefgang der Familiengeschichte bleibt somit leider aus – sowohl hinsichtlich der angedeuteten großen Geheimnisse als auch hinsichtlich der Dynamiken zwischen einzelnen Familienmitgliedern. Weder die Probleme noch die Beweggründe der Figuren lassen sich auf diese Weise nachvollziehen. Statt zu zeigen, warum die vier Garnett Girls so interessant, stark, besonders oder unglücklich sind, wird bedauerlicherweise nur immer wieder betont, dass sie es seien. Beweise dafür lassen sich allerdings auch nach langer Suche kaum im Roman finden.
Damit ist Die Garnett Girls leider ein Roman, der nur schöner Schein bleibt: Ein tolles Buchcover, ein vielversprechend klingender Inhalt und ein schönes Setting locken neugierige Lesende, doch am Ende der 400 Seiten bleiben nur ungenutzte Plot-Potenziale und oberflächlich erzählte Figuren, weswegen auch mit gutem Willen keine überzeugte Leseempfehlung ausgesprochen werden kann.
von Alicia Fuchs

Georgina Moore
Die Garnett Girls
Aus dem Englischen von Pauline Kurbasik
Kiepenheuer & Witsch 2025
416 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-462-00630-8