„Sie nannte weder schicke Kleider noch Juwelen ihr Eigen, nichts, gar nichts. Und dabei sehnte sie sich nach nichts anderem; einzig dafür fühlte sie sich geschaffen. Sie hätte so gern gefallen, verführerisch und begehrt erscheinen, beneidet werden mögen.“
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Guy de Maupassant gilt als Meister der französischen Novelle. Mit scharfem Blick für gesellschaftliche Zwänge und Normen, menschliche Eitelkeiten und Abgründe bildet er die französische Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts ab. Der Reclam-Band Der Schmuck vereint vier seiner Erzählungen: Der Schmuck, Der Regenschirm, An einem Frühlingsabend und Das Menuett. Ins Deutsche übertragen wurden diese Sammlung von Ernst Sander und Doris Distelmaier-Haas. Die Erzählungen bestechen durch ihre präzise Sprache, ihre oft bittere Ironie und überraschende Pointen. Der Schmuck ist damit ein eindrucksvolles Beispiel für Maupassants erzählerische Meisterschaft und lädt dazu ein, menschliche Sehnsüchte und gesellschaftliche Masken kritisch zu hinterfragen.
Der Schmuck
Der Schmuck erzählt von Mathilde Loisel, einer jungen, hübschen Frau, die unter ihrem kleinbürgerlichen Leben leidet. Ihr fehlt nicht nur eine Mitgift, sondern auch die gesellschaftliche Stellung, nach der sie sich verzweifelt sehnt. Maupassant entlarvt in dieser tragischen Geschichte das zerstörerische Potenzial von Eitelkeit und gesellschaftlichem Druck. Für einen einzigen Abend des Glanzes borgt Mathilde ein Brillanthalsband und ruiniert damit ungewollt ihr gesamtes Leben, bis eine finale Pointe alles in ein bitteres Licht taucht.
Der Regenschirm
Weniger dramatisch, dafür nicht minder gesellschaftskritisch ist die Novelle über das Ehepaar Oreille. Frau Oreille ist eine pedantische Sparerin, ihr Mann dagegen kleinlaut und unterwürfig. Ein neuer Regenschirm wird für beide zum Schauplatz des alltäglichen Machtkampfes. Zwischen Geiz, kleinbürgerlichem Stolz und einem halb komischen, halb beschämenden Versicherungsbetrug entfaltet Maupassant eine brillante Charakterstudie. Besonders modern wirkt dabei der Blick auf Geschlechterrollen. Frau Oreille dominiert ihren Mann, ein Tabubruch für die Zeit um 1890 bis1900, welcher aber stark in den Vordergrund gestellt wird. Er zeigt eine Gesellschaft, die von sozialer Angst, Sparzwang und der Furcht vor dem sozialen Abstieg geprägt ist.
An einem Frühlingsabend
In An einem Frühlingsabend geht es weniger um gesellschaftliche Kritik als um stille Gefühle und Lebensentscheidungen. Jeanne und Jacques, Cousine und Cousin, wachsen wie Geschwister auf und werden schließlich, mehr auf Wunsch ihrer Mütter als aus spontaner Liebe, ein Paar. Besonders berührend ist die Figur der Tante, die in der Familie ein ruhiges, fast unauffälliges Dasein führt und im Alltag der anderen zunehmend vergessen wird. Während die jungen Leute ihren Weg finden sollen und die Mütter ihre Zukunft planen, gerät sie immer mehr an den familiären Rand. Sie wirkt als leise Gegenstimme, eine Frau, die einst ebenfalls Träume hatte, nun aber übersehen wird – ein Schicksal, das im 19. Jahrhundert für viele alleinstehende oder ältere Frauen typisch war. Gerade weil die Tante nicht im Zentrum steht, wirkt ihre Vergessenheit umso stärker und verleiht der Novelle eine bittersüße Tiefe und macht auf die Perspektive aufmerksam, von der sonst nicht gesprochen wird.
Das Menuett
Das Menuett macht deutlich wie stark ein fremdes Unglück oder ein eine*m selbst weit entfernter Schmerz doch genauso treffen und berühren kann. Er ist diffus und fremd und wirkt deshalb umso intensiver:
„[E]s [gibt] bestimmte Begegnungen, bestimmte halb wahrgenommene Dinge, die man nur errät, manchen geheimen Kummer, manche Treulosigkeit des Schicksals, die uns in eine ganze schmerzvolle Welt von Gedanken aufrühren, die uns plötzlich die geheimnisvollen Tore zu verwickelten und unheilbaren seelischen Leiden auftun, die umso tiefer sind, je geringfügiger sie erscheinen, umso stechender, als sie fast ungreifbar erscheinen, umso hartnäckiger, als sie wie aufgesetzt erscheinen; sie lassen in unseren Herzen etwas wie eine Strähne von Traurigkeit zurück, einen Geschmack von Bitterkeit, ein Gefühl der Ernüchterung. Wovon wir uns lange nicht befreien können.“
In Das Menuett erzählt Maupassant von John Bridelle, der im Jardin du Luxembourg einem betagten ehemaligen Tanzmeister begegnet. Dieser trifft sich dort täglich mit seiner ebenso alten Frau, einer einst berühmten Tänzerin, um Erinnerungen an ihre gemeinsame Vergangenheit wachzuhalten. Als das Paar dem Erzähler ein Menuett vortanzt, wird die Vergänglichkeit von Kunst, Liebe und Lebenszeit schmerzlich sichtbar. Die leise, melancholische Szene hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck und zeigt, wie fremdes Leid und vergangenes Glück noch lange nachwirken können.
Die Novelle zeigt, wie unerwartet uns das Leid anderer treffen kann und wie hartnäckig solche Eindrücke nachwirken, gerade weil sie sich nicht eindeutig benennen oder verorten lassen.
Maupassant braucht weder große Schauplätze noch spektakuläre Wendungen. Seine Stärke liegt in der Beobachtung. Er erkennt die Risse im Alltag, die Selbsttäuschungen, die kleinen Machtspiele und Hoffnungen, die Menschen antreiben. Jede der vier Novellen zeigt eine andere Facette davon, wo unsere Schwächen liegen und was wir tun, um diese zu minimieren und wofür wir dazu bereit sind. Für mich liegt die besondere Stärke dieses Bandes darin, wie nah mir Maupassants Figuren trotz ihres historischen Kontextes gekommen sind. Ihre Sehnsüchte, Ängste und Selbsttäuschungen wirken erschreckend vertraut. Gerade Das Menuett hat mich nachhaltig berührt, weil es zeigt, wie leise, fast beiläufig ein fremdes Leben unser eigenes innerlich erschüttern kann. Maupassant zwingt nicht zur Empathie – er lässt sie entstehen.
Für Leser*innen, die kurze, pointierte Geschichten mit psychologischer Schärfe schätzen, ist dieser Reclam-Band eine lohnende Lektüre.
von Julia Vetter
Guy de Maupassant
Der Schmuck
Reclam 2025
88 Seiten
6,00 Euro
ISBN 978-3-15-014726-9