Magdalena Gössling – Wieder werden
Magdalena Gössling – Wieder werden

Magdalena Gössling – Wieder werden

„Das passt nicht zu mir. Mein Ich ist nicht so zerstört.“

CW: Schlaganfall, Kaiserschnitt

In Wieder werden erzählt die Handchirurgin Magdalena Gössling von ihrem Schlaganfall, welcher ausgelöst wurde durch eine angeborene Gefäßmissbildung (AVM). Der Schlaganfall ereignete sich 2019, während sie gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger war.

„Ich schaue auf meine rechte Hand. Sie weiß nicht, was sie zu tun hat, und ich kann ihr nicht helfen.“

Die beeindruckende und berührende Autobiografie der Berlinerin erzählt von ihrem Krankenhausaufenthalt, ihrer anschließenden Rehabilitation und ihrem Weg zurück in den Alltag. Voller sprachlichem Feingefühl zeichnet Gössling Begegnungen mit Patent*innen und verschiedenen Mitarbeitenden des Gesundheitswesens nach. Gleichzeitig reflektiert sie ihre eigene Tätigkeit als Ärztin und gibt interessante Hintergrundinformationen zu den Abläufen der Patient*innenenversorgung. So schreibt sie: „Immer wieder fallen mir jetzt Situationen ein, in denen auch ich die Selbstbestimmung der Patient*innen nicht genügend respektiert habe, in denen ich es versäumt habe, sie gut zu informieren, sie zu fragen, was sie auf dem Herzen haben, und ihnen Zeit für die Formulierung ihrer Fragen zu geben.“

Mit einer bemerkenswerten Klarheit findet sie Worte für verschiedene Situationen und die damit verbundenen Gefühle und Gedanken. Dabei gelingt es ihr hervorragend ihre eigenen Erfahrungen differenziert zu betrachten. Statt voreilige Generalisierungen zu formulieren, bleibt sie konsequent bei sich und stellt ihre Geschichte als Reflexionsanlass für Leser*innen zur Verfügung. Besonders gelungen ist beispielsweise ihre Auseinandersetzung mit ihrer Rolle als Mutter, Ärztin, Freundin und Schlaganfallpatientin. Immer wieder treten Differenzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung auf, welche sorgsam sichtbar gemacht werden. Ohne mit dem Finger auf einzelne Personen zu zeigen, übt Gössling hilfreiche Kritik an dem Personal, das ihre Fortschritte als Arbeitsergebnis bewertet und sie lediglich als Patientin sieht. Auch ihr eigenes Verhalten und ihre Reaktion auf verschiedene Situationen weiß sie klug einzuordnen.

„Ohne Unterlass soll ich jetzt arbeiten. Ich fühle mich schnell bedrängt, es ist mir unglaublich peinlich, so unkoordiniert, ungenau und verzögert zu sprechen.“

Außerdem nutzt sie verschiedene Zitate von anderen Autor*innen, die ihren Ausführungen zusätzlich Tiefe verleihen. Von Kübra Gümüşay borgt sie sich folgende Worte: „Doch wir spüren den Stoff unseres Denkens nicht, sehen die Architektur unserer Sprache nicht, wenn sie für uns funktioniert. Wir spüren die Mauern und Grenzen der Sprache erst, wenn sie nicht mehr funktioniert.“ Daran anschließend entfaltet sie eigene Gedenken über das Verhältnis von Sprache und Sein und erzählt von ihrer Logopädie. Außerdem zeigt sie auf, wie Sprache Realität schafft, indem sie teilt, wie schwer es ihr fiel den Satz „Ich hatte einen Schlaganfall.“ auszusprechen.

„Aussprechen heißt bestätigen, es vor anderen anzuerkennen, es real werden zu lassen. Mit diesem Satz kehre ich mein Inneres nach außen. Es wird offen für Beurteilung.“

Wieder werden ist ein großartiges Buch, welches gerade durch all die zarten und leisen Töne tief berührt. Ein wunderbarer Anlass, um über eigene Erfahrungen mit Krankheit, Schmerz und Verlust von Fähigkeiten nachzudenken und sich damit  zu versöhnen. Deshalb ist es dringend zu empfehlen für alle, die selbst einen Schlaganfall hatten und mit Menschen, die einen Schlaganfall hatten, zu tun haben – sei es privat oder beruflich.

von Jasmin Fuchs

Magdalena Gössling
Wieder werden
Rowohlt Polaris 2025
192 Seiten
20,00 Euro
ISBN 978-3-499-01548-9

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