Eine starke Königin und ein wackelnder Thron
—
CW: Folter, Gewalt, Krieg, Tod, Vergewaltigung, Verstümmelung
—
Um England steht es im Jahr 1013 schlecht. Der schwache König Ethelred weiß sich nicht gegen die dauerhaften Wikingerüberfälle zu behaupten, die eine wachsende Gefahr für Land und Leute darstellen und ihn Vertrauen innerhalb der Bevölkerung kosten. Er setzt auf seine Berater, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgen, sodass Königin Emma um ihre und insbesondere die Sicherheit ihrer Kinder fürchten muss und anfängt, selbst Pläne zu schmieden.
Währenddessen muss der junge Engländer Ælfric of Helmsby – zum Schutz seines Sohnes Penta vor der Gnadenlosigkeit seines Onkels und zur Aushändigung seines dänischen Gefangenen Hakon am Hofe – zusammen mit diesen seine Heimat Helmsby verlassen. Auf der Reise nach London begegnen sie dem unkonventionellen Mönch Eilmer of Malmesbury. Zwischen den drei Männern entwickelt sich, nach einem anfänglichen Misstrauen zwischen Ælfric und Hakon, eine tiefe Verbindung. Es ist der Beginn einer wunderbaren, unglaublich starken Freundschaft. Diese festigt sich besonders, weil sie durch eine Verkettung von Ereignissen das Vertrauen der Königin gewinnen und in ihren engsten Beraterkreis aufgenommen werden. Ihre Unterstützung braucht Emma umso dringender, als der englische Thron zunehmend zu wackeln beginnt…
Aller guten Dinge sind drei
Rabenthron ist der sehnsüchtig erwartete dritte Teil von Gablés bekannter Helmsby-Reihe, die sie bereits im Jahr 2000 mit der Veröffentlichung von Das zweite Königreich begann. 25 Jahre später hat sie sich wie immer eine ganz besondere und interessante Persönlichkeit und ihre Zeit aus der Geschichte herausgepickt: Emma von der Normandie, die Königin von England. Sie erforscht damit komplexe Machtstrukturen innerhalb von Königshäusern, Adel und Klerus, die sich von England bis in die Normandie spannen.
Auf den ersten Blick muss daher zwangsläufig das Dramatis Personae die Leser*innen überfordern. Nicht nur sind die Namen der vielen Personen ähnlich (die Nutzung der Bei- und Spitznamen war richtig und wichtig), sondern es wird auch zwischen historischen und fiktiven Figuren unterschieden.
Schließlich spielen letztere eine herausragende Rolle in Gablés Romanen: Sie begleiten bedeutende Persönlichkeiten, werden zu ihren Vertrauten und bieten Leser*innen Einblicke in die Geschehnisse und Persönlichkeiten hinter den Zeitstrahlen und Stammbäumen aus dem Geschichtsunterricht. Sie haben aber auch eigene Geschichten, wobei immer eine Familie im Fokus steht.
In Rabenthron ist das die Familie Helmsby rund um Ælfric. Das sind Vorfahren von Cædmon of Helmsby aus Das zweite Königreich, sodass Fans der Reihe in den Genuss einer Vorgeschichte kommen. Die Autorin arbeitet diese Familie und ihre Freunde, genauso wie die historischen Figuren mit einem Fokus auf Emma, als sehr greifbare individuelle Charaktere heraus. Sie haben alle ihr eigenes Päckchen zu tragen, bedingt durch die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit. Besonders hervorzuheben sind die drei Freunde Ælfric, Eilmer und Hakon, denn sie zeigen exemplarisch die Perspektiven eines Thanes, eines Kirchenmannes und eines Dänen auf die politischen Umwälzungen dieser Zeit in England.
Eine Wälzerliebe
Kein Wunder also, dass es sich angesichts all der zu erzählenden Geschichten durchaus um einen Wälzer handelt. Als Leser*in atmet man die Seiten jedoch förmlich weg und ist enttäuscht, wenn Rabenthron sich schon nach knapp 900 Seiten dem Ende zuneigt. Das liegt nicht nur an der Mischung aus Intrigen, Freundschaft und einem Hauch von Romantik, sondern besonders an Gablés wundervoller Art, nach ihrer ausführlichen Recherche kurzweilig, nachvollziehbar und lebendig detailreiche Ereignisse zu beschreiben.
Dabei ist es für Leser*innen hilfreich, dass sie eine zeitliche Einordnung leistet: in bestimmte Zeitpunkte für einzelne Abschnitte sowie Zeiträume für ganze Kapitel des historischen Romans. Letztere werden durch passende Illustrationen von Jens M. Weber eingeleitet.
„Emma von der Normandie war eine enorm starke Frau, die es mit Mut und Klugheit geschafft hat, zu überleben […].“
Und ein Highlight zum Schluss: Was nach dem eigentlichen Schluss kommt. Die Nachbemerkung zeigt, wie der Machtkampf um die englische Krone sich weiterentwickelt und natürlich auch wie Emma den Rest ihres Lebens verbringt. Besonders interessant ist auch die Rubrik „Wahr und Unwahr“, in der die Autorin einordnet, was in Rabenthron Fakt und was Fiktion ist. Denn: „Wieder einmal sind es die unglaublichsten Episoden in diesem Roman, die nicht meiner Fantasie entsprungen sind, sondern von Chronisten als Tatsachen berichtet wurden.“ Demnach gingen beispielsweise die Angelsachsen bei einem plötzlichen oder unerklärlichen Tod tatsächlich von Ofscoten als Ursache aus, einem unsichtbaren Pfeilschuss von Elfen oder Feen. Es stimmt laut Gablé auch, dass Knud Emmas Gewicht in Gold als Lohn demjenigen auszahlte, der sie wohlversehen zu ihm brachte. Das Stöbern in diesen letzten Seiten ist also, genauso wie Rabenthron insgesamt, für alle sehr empfehlenswert, die sich für historische Fakten und die teilweise völlig unglaublichen Geschichten dahinter interessieren.
Ein fesselnder historischer Roman über Macht, Freundschaft und Treue – das lange Warten hat sich gelohnt!
von Alina Köhler

Rebecca Gablé
Rabenthron
Lübbe 2025
893 Seiten
24,99 Euro
ISBN 978-3-7517-8398-9