Agnes Arnold-Forster – Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls. Warum uns die Vergangenheit nie loslässt
Agnes Arnold-Forster – Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls. Warum uns die Vergangenheit nie loslässt

Agnes Arnold-Forster – Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls. Warum uns die Vergangenheit nie loslässt

Make Nostalgia Great Again?

Obwohl jedes Gefühl seine eigene Geschichte hat, gibt es nur wenige Emotionen, die so omnipräsent und dennoch so schwer zu fassen sind wie Nostalgie.

In Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls unternimmt Agnes Arnold-Forster dennoch den ambitionierten Versuch, das Konzept aus seinem sentimentalen Kokon herauszuschälen und Nostalgie als kulturhistorische Größe zu beleuchten – von der medizinischen Begriffsgenese im 17. Jahrhundert bis hin zu seiner rhetorischen Vereinnahmung in politischen Debatten der Gegenwart.

Nostalgie, konstatiert die renommierte britische Historikerin, genießt unter ihren Fachkolleg*innen einen denkbar schlechten Ruf. Das sentimentale Zurücksehnen steht scheinbar im Gegensatz zu objektiver Einschätzung und Darstellung von Tatsachen. Wer nostalgische Tendenzen verspürt, so die implizite Annahme, verfällt der Verklärung und verliert damit die analytische Distanz. Arnold-Forster berücksichtigt diese Skepsis, ihr Zugang ist dabei aber trotz akademisch hoher Qualität weniger snobistisch.

Die Autorin promovierte am King’s College London mit einer Arbeit über die Geschichte der Krankheit Krebs im 19. Jahrhundert. Wenngleich ihr disziplinärer Hintergrund in der Medizingeschichte dem Projekt zugutekommt, sieht sie Nostalgie metaphorisch betrachtet nicht als einen unaufhörlich wachsenden Tumor; wenn doch, dann zumindest nicht grundsätzlich als einen bösartigen, wie es die meisten Debatten heute nahelegen. Nostalgie wird hier nicht rein intellektuell seziert, sondern als eine ambivalente, beinahe allen vertraute Emotion ernst genommen.

In zehn überwiegend chronologisch angeordneten Kapiteln zeigt Arnold-Forster, dass Nostalgie mitnichten ein statisch-zeitloses Gefühl, sondern ein historisch wandelbares Konzept ist, das sich stets an gesellschaftliche und epistemische Bedingungen koppelt.

Von Maladie zu Modeerscheinung

Die ‚Entdeckung‘ der Nostalgie fällt ins späte 17. Jahrhundert: Der Mediziner Johannes Hofer prägte 1688 den Begriff nostalgia als medizinische Diagnose für das extreme Heimweh von Schweizer Söldnern, die fern ihrer Heimat stationiert waren. So wurde Nostalgie lange als eine Erkrankung mit körperlichen Symptomen und sogar tödlichen Verläufen behandelt. Im 19. Jahrhundert verlor Nostalgie ihre pathologische Bedrohlichkeit und wandelte sich von einem orts- zu einem zeitbezogenen Phänomen. In ihrem interdisziplinären Ansatz zitiert Arnold-Forster auch psychologische und neurowissenschaftliche Befunde, nach denen Nostalgie als soziales Bindemittel und als Reaktion auf die Beschleunigung der Moderne verstanden wird.

„Mit Nostalgie lässt sich immer noch vieles verkaufen.“

Dass sie ein tröstliches Gefühl von Kontinuität und Zugehörigkeit vermitteln, ist auch ein gängiges Erklärmodell für die seit den 1970ern auftretenden Retro-Erscheinungen in Mode, Musik und Einrichtung. „Wie man ein Gefühl zu Geld macht“ lautet nicht nur ein Kapitel, das sich der Kommerzialisierung von Erinnerungen widmet, sondern zeigt sich auf paratextueller Ebene auch im deutschen Cover. Dessen Optik erinnert an Reklame der Goldenen Zwanziger und bietet somit gleichsam einen Kommentar auf die Attraktivität von Vintage-Elementen in der Populärkultur. Auf dem gelungeneren britischen Original-Cover wird das Wort „Nostalgia“ von einem gestochen scharfen Abbild zunehmend verschwommen nach unten fortgesetzt, um die Allgegenwart durch die Zeiten abzubilden. Der umfangreiche Bildteil im Mittelteil des Buches unterstreicht, dass Nostalgie stets auch visuell und medial inszeniert ist.

Es handelt sich bei diesem Werk weniger um eine Dekonstruktion einer wohligen Vergangenheitssehnsucht als um eine mentalitäts- und emotionsgeschichtliche Rekonstruktion dessen, was in unterschiedlichen Epochen unter Nostalgie verstanden und empfunden wurde. Dabei fordert die reichhaltige historische Zusammenschau durch eine Fülle an Beispielen heraus, die sich bei der Lektüre in einem Zug stellenweise redundant lesen.

Was durch manche Wiederholungen umso klarer hervortritt: Arnold-Forster bewegt die Frage, was Nostalgie jeweils über die eigene Zeit verrät und wie der Blick in die Vergangenheit auch Zukunftsvorstellungen beeinflusst. In ihrer dialektischen Betrachtung ist Nostalgie kein Problemfall, sondern potenziell produktive Ressource. Theoretisch deutlich beeinflusst ist sie dabei von Svetlana Boyms The Future of Nostalgia und deren Unterscheidung zwischen restaurativer und reflektierender Nostalgie. Arnold-Forster greift diesen Denkrahmen abschließend auf und schließt sich letzterer an, die sie als „kritischer und offener“ beschreibt. Gerade dieser optimistische Schluss ist allerdings der Punkt, an dem sich Kritik anderer Rezensent*innen entzündet, die Arnold-Forsters Haltung als zu versöhnlich empfinden.

„Im 21. Jahrhundert wird die Nostalgie mit Populismus und geistiger Minderbemitteltheit in Verbindung gebracht.“

Der Untertitel Geschichte eines gefährlichen Gefühls mag zwar pointiert sein, wird der Komplexität des Gegenstands und der Nuanciertheit, mit der sich Arnold-Forster diesem widmet, nicht gerecht: Nostalgische Anwandlungen sind nicht per se schädlich, sondern fungieren in ihrer jeweiligen historischen und sozialen Einbettung vielmehr als präzise Gegenwartsdiagnosen.

Gerade durch ihre differenzierte Darstellung gelingt es Arnold-Forster, Nostalgie aus ihrer gegenwärtigen diskursiven Verengung auf politischen Missbrauch zu lösen. Arnold-Forster rehabilitiert das Phänomen der Nostalgie, wobei sie nicht bestreitet, dass Nostalgie instrumentalisiert werden kann und wird. Sie zeigt vielmehr eindrucksvoll, dass sie nicht darauf reduziert werden sollte. Vielleicht muss Nostalgie also gar nicht erst „great again“ gemacht werden. Vielleicht war sie nie so eindimensional, wie ihre Kritiker*innen behaupten.

von Jana Paulina Lobe

Agnes Arnold-Forster
Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls. Warum uns die Vergangenheit nie loslässt
Aus dem Englischen von Christiane Burkhardt
Reclam 2025
304 Seiten
28,00 Euro
ISBN: 978-3-15-011541-1

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