Stephen King – Fairy Tale
Stephen King – Fairy Tale

Stephen King – Fairy Tale

„Schmetterlinge gab es hier keine mehr.“

CW: Drogenmissbrauch, Gewalt, Tod

Es ist eine Reihe von Zufällen, die den Protagonisten von Stephen Kings Fairy Tale ins Innere der Geschichte führen, die mit ihrem märchenhaften Namen zunächst so gar nichts gemeinsam zu haben scheint. Der Rahmen dieser Geschichte ist die Erzählung des erwachsenen Charles „Charlie“ Reade aus dem Jahr 2022, der sich an sein siebzehnjähriges Ich im Jahr 2013 erinnert, als das Geschehen seinen Lauf nimmt. Durch Zufall wird er auf seinen gestürzten Nachbarn Mr. Bowditch aufmerksam, einen alten Mann, der allein und zurückgezogen mit seinem Hund in einer Villa lebt. Durch die Hilfe und spätere Versorgung fasst der knurrige Rentner zunehmend Vertrauen zu Charlie und vermacht ihm schließlich seinen gesamten Besitz. Neben der alten Schäferhündin Radar wird Charlie so auch Eigentümer des Grundstücks, in dem vor allem ein knarziger, kleiner Schuppen als Quelle sonderbarer Geräusche einige Geheimnisse beinhaltet. Ehe Charlie es noch richtig begreift, findet er sich in einer märchenhaften „Anderwelt“ voll sonderbarer Personen und Gestalten wieder, von denen es nicht alle (wir sind ja schließlich bei Stephen King) gut mit ihm meinen.

„Wenn etwas zur eigenen Welt gehört, findet man es normal. […] Nur wenn man es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, ist es irgendwie fürchterlich.“

King schafft mit Fairy Tale ein düster anmutendes Traumgebilde, in dem er sowohl Motive aus bekannten Fantasie- als auch Horrorgeschichten aufgreift und umwandelt. So gibt es beispielsweise neben Ries*innen und Gnom*innen auch die als Gänsemagd lebende Prinzessin Leah, die durch ihr Pferd Falada spricht, oder die Schuhmacherin Dora, die auf den englischen Kinderreim There Was an Old Woman Who Lived in a Shoe anspielt. Schon in der realen Welt streut King märchenhafte Hinweise ein, indem er einen Juwelier Wilhelm Heinrich nennt und das Aussehen eines Einbrechers mit Rumpelstilzchen verglichen wird. Die Villa Mr. Bowditchs erinnert jedoch stark an das Zuhause Norman Bates‘ aus Psycho, die Schäferhündin Radar wird in jüngeren Jahren mit Kings eigenem Werk Cujo verglichen und immer wieder taucht der schreckenerregende Name des Wesens “Gogmagog” auf.

„In allen von uns ist ein dunkler Brunnen, glaube ich, und der trocknet niemals aus. Wer daraus trinkt, tut es auf eigene Gefahr.“

Alles in allem strotzt dieses Buch nur vor Anspielungen und Querverweisen, die wie feine Glassplitter einen großen Kristall ergeben, durch dessen brechendes Licht man diese dunkelbunte Geschichte betrachtet. Auch für ‚reine‘ Fantasy-Liebhaber ist dieses Buch geeignet, da es im Vergleich zu schockieren wollenden King-Klassikern wie Es oder Christine weniger drastische Szenen enthält. Der Horror wird eher subtil in Szene gesetzt und entwickelt sich unterschwellig. Man sollte sich allerdings bewusst sein, dass sich der Autor auch bei diesem Buch viel Zeit nimmt, um die Figuren und das Setting zu etablieren, weshalb nahezu ein Drittel des Buches verstreicht, bevor die ‚eigentliche‘ Geschichte losgeht.

Dennoch sollte das kein Grund sein, Fairy Tale nicht anzugehen. Vertieft man sich in das fast 900 Seiten starke Werk, wird man mit einer unglaublichen, vielfältigen Geschichte belohnt, die den neuinterpretierenden Blick eines der größten Horrorschriftsteller unserer Zeit auf Fantastisches und Märchen preisgibt.

von Nike Kutzner

Stephen King
Fairy Tale
Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Heyne 2022
880 Seiten
28,00 Euro
ISBN 978-3-453-27399-3

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