Res Sigusch – Unbegründete Ängste
Res Sigusch – Unbegründete Ängste

Res Sigusch – Unbegründete Ängste

„Und geht es eigentlich allen so, dass die Sehnsucht, geliebt zu werden, jeden Gedanken, jede Äußerung, jede Entscheidung bestimmt?“

CW: Angststörung, Tod eines Tieres, Queerfeindlichkeit

Res Siguschs neuer Roman Unbegründete Ängste erzählt von lähmender Angst und deren Linderung durch Gemeinschaft.

„Angst?“ „Ja, vor allem.“ „Davor, was andere Leute über mich denken.“

So klischeehaft wie effektiv wählt Sigusch für den Protagonisten Christian, einen dreißigjährigen Mann, der seinen Körper seit Jahren im gleichen Fitnessstudio stählt, in dem er auch als Trainer arbeitet, und dennoch von Unsicherheiten und Sorgen geplagt ist. Sein Leben in der sächsischen Kleinstadt, die er nie verlassen hat, erscheint ereignisarm, Routinen, wie der sonntägliche Brunch mit seinen Eltern, prägen seinen Alltag. Sein soziales Umfeld besteht neben seiner gluckenden Mutter aus Kolleg*innen statt Freund*innen. Den Mann an seiner Seite findet er auch nicht, da er untätig seinen Crush anhimmelt und sich mit Hookups, die er nicht weiterverfolgt, lediglich flüchtiger Intimität hingibt. Die Erfahrung der Pandemie und obsessive Internetrecherchen lassen ihn stets befürchten unheilbar krank zu sein. Klimawandel und Rechtsextremismus halten Einzug ins Private, die Angst wird existenziell. Von Zweifeln an sich, einer zuversichtlichen Zukunft für die Welt und sein Leben gebeutelt, steigt der Druck… bis er sich entlädt.

„Warum klammert er sich an ein unerreichbares Ideal, warum geht er davon aus, ein Ich allein wäre unvollständig, nur im Wir würde sich ein Leben lohnen?“

Als Christians Angstzustände ihn immer mehr einnehmen und Panikattacken ihm buchstäblich den Boden unter den Füßen wegreißen, zeichnet Sigusch feinfühlig den schweren Weg nach, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, sich diese einzuholen und anzunehmen.

Sigusch gliedert die Erzählung in die drei Teile Adrenalin, Benzodiazepin sowie Begründete Ängste und öffnet im zweiten Teil des Romans, als sich Christian sozial isoliert, die Perspektive. Als Leser*in bekommt man rundschauhaft Einblicke in die Personen um den Protagonisten, die ebenso von ihren eigenen Kämpfen gezeichnet sind. Recht vorhersehbar, aber nicht minder eindrücklich tariert Sigusch das Einlassen auf Zwischenmenschlichkeit, die Verbindung schafft, aus. Christian erfährt, dass Ängste dadurch nicht zwangsläufig ausgelöscht, aber unbegründete Ängste besser eingeordnet und begründete gemeinsam besser durchstanden werden können.

„Panik? Drei von zehn. Der Normalzustand ist wiederhergestellt.“

Sorgfältig verhandelt Sigusch plurale Belastung: Queeres Leben in der Provinz, Rechtsextremismus, der die Gesellschaft zunehmend durchsetzt und bis in die Familie reicht, unmittelbar spürbare Bedrohung durch den Klimawandel, komplexe Familiendynamiken, Einsamkeit und mentale Krankheit. Ein Roman, der viel Raum zur Identifikation für die Lesenden bietet. Die einfache Sprache sorgt für eine zugängliche Erzählung, deren ruhiger Ton, trotz der mitunter dramatischen Geschehnisse, die gut 200 Seiten im Nu vergehen lassen. Res Sigusch Zweitling Unbegründete Ängste ist ein Plädoyer für die stärkende Kraft, die entstehen kann, wenn man sich seinem Umfeld öffnet.

von Michaela Minder

Res Sigusch
Unbegründete Ängste
Berlin Verlag 2025
240 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-8270-1531-0

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