Wenn das „Ich“ zerbricht…
—
Was haben O.J. Simpson, Franz Kafka, Sigmund Freud und David Bowie gemeinsam? Abgesehen davon, dass alle früher oder später mal in Therapie landen würden, waren sie außerdem große Inspirationen für den surrealen Thriller Lost Highway vom amerikanischen Starregisseur David Lynch. Dessen albtraumhafte Charakterstudie über Schuld, Identität und Realitätsverlust wurde einmalig am 18.02.2026 im Rahmen der Reihe Filmklassiker im Kino im LICHTSPIEL gezeigt. Hierbei wird einmal im Monat ein Klassiker der Filmgeschichte auf der gr0ßen Leinwand gezeigt. Diesen Monat fast passend zum einjährigen Todestag des revolutionären und wegbereitenden Regisseurs von Lost Highway.
„There’s no such thing as a bad coincidence.“
Lost Highway kann als dreiteiliger Film verstanden werden, der zu Beginn den eifersüchtigen Jazzmusiker Fred Madison (Bill Pullman) und dessen Frau Renee (Patricia Arquette) begleitet. Das Publikum wird sofort mit Fragen konfrontiert, als eine unbekannte Person an Freds Tür klingelt und nur „Dick Laurent is dead“ von sich gibt. Im Anschluss wird das depressive und von Eifersucht zerfressene Leben des Jazzsaxophonisten skizziert, bis das Ehepaar schließlich regelmäßig Videokassetten zugeschickt bekommt. Diese zeigen Fred und Renee, während sie nachts in ihrem Haus schlafen. Wer für diese Aufnahmen verantwortlich ist und warum diese überhaupt entstanden sind, bleibt ungelöst. Nur noch mysteriöser wird es auf der darauffolgenden Party, die Renees dubioser Bekannter Andy (Michael Massee) veranstaltet. Dort trifft Fred auf einen unbekannten und mysteriösen Mann (Robert Blake), der behauptet Fred bereits zu kennen und gerade bei diesem im Haus sei. Diese anfangs noch wirre und unglaubwürdige Aussage wird im Laufe des Gesprächs tatsächlich bestätigt: der unbekannte Mann ist sowohl vor Fred als auch gleichzeitig bei ihm zuhause. Die rätselhafte und surreale Handlung des ersten Filmteils gipfelt in der Rückkehr von Fred und Renee in ihr Haus. Realität, Wahnvorstellungen und Einbildungen verschwimmen zu einem untrennbaren Konstrukt des Traumhaften. Die Zuschauer*innen wissen selbst nicht, was eigentlich gerade in der Wirklichkeit des Films passiert.
Der zweite Teil beginnt plötzlich mit einer neuen Hauptfigur und zeigt einen vermeintlich ganz anderen Film; die Geschichte um Fred scheint vollkommen vergessen. Pete (Balthazar Getty) ist die radikale Antithese zu Fred, er ist ein Frauenheld und Lebemann. Als junger Mechaniker muss er immer wieder den Wagen eines gewissen Mr. Eddy (Robert Loggia) reparieren. Dieser ist ein rücksichtloser und gewaltbereiter Pornografie-Mogul und Zuhälter. Bei einer seiner Reparaturen lernt Pete die wunderschöne Frau von Mr. Eddy kennen: Alice (Patricia Arquette). Diese sieht genauso aus wie Renee aus der ersten Handlung, wodurch der Realitätsverlust und das Verschmelzen von Wahrheit und Einbildung beginnt. Im Zuge ihrer Affaire töten Alice und Pete einen bereits aus dem ersten Drittel des Films bekannten Freund von Mr. Eddy, um mit dessen Geld vor dem Zuhälter fliehen zu können. Auch der zweite Teil endet dramatisch und symbolisch in einer Auseinandersetzung mit dem „Mystery Man“.
Dieser ist schließlich auch die Schlüsselfigur für den kurzen dritten und letzten Abschnitt von David Lynchs Meisterwerk. Jegliche Inhaltsangabe hierzu würde die von Mysterien und Plot-Twists angetriebene Wirkung des Films zerstören. Vielleicht ein kleines Häppchen, um die Fantasie anzuregen: Das Lied „Rammstein“ der gleichnamigen Band wird immer wieder angespielt. Der Film endet schließlich meisterhaft mit Fred, der an seiner eigenen Haustür klingelt. Seine letzten Worte in die Sprechanalage sind: „Dick Laurent is dead.“ Die Möbiusschleife ist perfekt.
„We killed him.“ – „No, you killed him.“
Lost Highway schafft es die verstörenden Erlebnisse und paranoiden Gefühle der Hauptfiguren direkt von der Leinwand in die Zuschauer*innen zu pflanzen. Neben den expliziten und umfangreichen Darstellungen von Gewalt und Sexualität, gelingt dies vor allem mithilfe von zwei Mitteln: Zum einen nutz Lynch stroboskopartige Lichteffekte und eine barockesque Bildgestaltung. Dominante Lichtimpulse und starke Hell-Dunkel-Kontraste überwiegen gerade in den traumhaften Schlüsselszenen des Films. Dadurch wird die innere Zerrissenheit der Figuren dem Publikum unweigerlich in die Köpfe gepresst. Diese Wirkung wird durch die imposante und psychedelische Filmmusik verstärkt. Mit Rammstein, Nine Inch Nails, David Bowie oder Marilyn Manson untermauern Künstler diesen Film, die nicht besser zu der Vision von David Lynch und Lost Highway passen könnten. Ihre düstere Ästhetik, provokativen Tendenzen und subversive Wirkung komplimentieren die gesamte Konzeption und Umsetzung des Films. Wie ein Uhrwerk greifen hier Bildgestaltung, Musik, Erzählstruktur und Figurendarstellungen ineinander, um Filmkunst par excellence zu schaffen. In Lost Highway wird die Geschichte also nicht nur erzählt, sondern tatsächlich körperlich und emotional erfahrbar gemacht.
„We’ve met before, haven’t we?“
Gleich vorweg: Um diesen Film auch nur ansatzweise zu verstehen, muss man ihn mehrfach schauen. Nur so kann das Puzzle bestehend aus einer nicht-linearen Erzählstruktur, fragmentarischen Zusammenschnitten und tiefpsychologischen Ideen gelöst werden. Die Zuschauer*innen dürfen David Lynch auf dem Höhepunkt seiner Kreativität, aber auch seinem „Verschlüsselungsdrang“ erleben. Um den Film zu entschlüsseln, können die oben genannten Herren Simpson, Kafka, Freud und Bowie helfen. O.J. Simpson hat vermeintlich seine eigene Realität konstruiert, um mit Schuld und medialem Druck umzugehen. Da dieser krankhaft von seiner mindestens mal fragwürdigen Geschichte überzeugt war, ist der „O.J. Simpson Mordprozess“ als Hauptinspiration für Lynch anzusehen. Aber auch unter Kafka spielen die Frage nach der Identität und zudem surreale (eben kafkaeske) Logiken eine Rolle. Das musikalische Äquivalent dazu ist David Bowie, ein Künstler in permanenter Neuerfindung. Bei Sigmund Freud werden diese Ideen in Form der „Ichspaltung“ und dem „Strukturmodell der Psyche“ nun sogar wissenschaftlich.
Vermutlich geht es in Lost Highway also um den Identitätsverlust bzw. Identitätswandel aufgrund eines traumatisierenden Ereignisses. Dabei stellt David Lynch nicht die äußere Lebenswelt des Protagonisten dar, sondern die inneren psychologischen Abgründe, die aus einer solchen Transformation resultieren. Solche Themen sind von Natur aus hoch individuell, weswegen sich trotzdem jede*r ein eigenes Bild von diesem auf der großen Leinwand wahrgewordenen Albtraum machen sollte.
„Ich will nicht zu viele Worte darüber verlieren – wenn man nicht gerade Dichter ist, werden die Dinge oft kleiner, wenn man über sie spricht.“ – David Lynch (1994)
Es ist schwer, eine Empfehlung für Lost Highway auszusprechen. Durch sein traumhaftes Aussehen und innovative Erzählweise gilt er als Meilenstein des Psychothrillers. Dennoch ist der Film keine leichte Kost. Verwirrende Szenengestaltung, die umfassende Symbolik und ein schier undurchdringlicher Handlungsstrang zwingen das Publikum zu einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Werk. Nur so können die darin enthaltenen Ideen begriffen werden. Da stellt sich berechtigt die Frage, ob ein solches Werk dann wirklich gut ist. Lost Highway ist trotz seiner Genialität (oder vielleicht gerade deswegen) auch schlicht Arbeit. Aber Arbeit an deren Ende ein Meisterwerk über das Innerste des menschlichen Geistes steht.
Jedem Film sollte prinzipiell eine Chance gegeben werden, aber da dieser wohl eher drei oder vier braucht, ist er nichts für alle. Wer eine gemütlichen Samstagabendunterhaltung sucht und sich von Filmen eher berieseln lassen möchte, wird wenig Freude mit Lost Highway haben. Personen, die sich aber intrinsisch für die Kunst des Filmemachens interessieren und beim Schauen dieser gerne gefordert werden, sollten Lost Highway unbedingt sehen. Auch wenn man dem Film infolgedessen vermutlich öfter begegnen wird…
von Vincent Berwind

David Lynch
Lost Highway
Englische Originalversion mit deutschen Untertiteln
Frankreich, USA 1997
135 Minuten
FSK 16






© Copyright 2005 Ciby Distribution