Theater im Gärtnerviertel – Andorra
Theater im Gärtnerviertel – Andorra

Theater im Gärtnerviertel – Andorra

„Geht heim vor eure Spiegel und ekelt euch.“

CW: Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Mord, Sexismus, Vergewaltigung

Max Frischs Andorra zeigt die Steigerung des Antisemitismus in einer Gesellschaft versinnbildlicht auf, und ist trotz seiner Uraufführung im Jahr 1961 aktueller denn je. Das Werk wurde nun vom Bamberger Theater im Gärtnerviertel unter der Regie von Nina Lorenz in der Aula des Franz-Ludwig-Gymnasiums auf die Bühne gebracht.

Andorra hat, so Frisch, nichts mit dem real existierenden Kleinstaat zu tun, sondern ist im Stück lediglich der Name eines Gebiets, dessen Bewohner*innen sich von ‚dem Anderen‘ bedroht fühlen, und die den Juden in ihrer Mitte, Andri (Martin Habermeyer), eher widerwillig dulden als akzeptieren. Aufgewachsen als Ziehsohn des Lehrers Can (Stephan Bach) will Andri nun eine Lehre zum Tischler absolvieren und seine Ziehschwester Barblin (Juliane Ulmer) heiraten. Er stößt in der Gesellschaft jedoch stets auf Widerstand. Egal, was er tut, der Umstand, dass er Jude ist, überschattet in den Augen der Andorraner*innen (gespielt von den bereits genannten sowie Ursula Gumbsch und Felix D’Angelo) stets seine Erfolge und untermauert ebenso sein Scheitern. Als Andri merkt, dass er, trotz aller Anstrengung, als Jude niemals als ‚vollwertiges‘ Mitglied der Gesellschaft Andorras akzeptiert werden wird, will er sich nicht länger selbst verleugnen. Die Stimmung in der Gesellschaft heizt sich weiter auf, und als sich erlösende Geheimnisse aus der Vergangenheit offenbaren, ist es bereits zu spät.

„Ich habe meinen Namen in die Lüfte geworfen, wie eine Mütze. Herunter fiel ein Stein, der mich tötete.“

Die Inszenierung des Stücks erscheint ebenso simpel wie wirkungsvoll, da auf aufwendige Kostüme und Kulissen verzichtet wird, und so die Symbolhaftigkeit des Werks eindeutig wird. Die Bühnenfläche erstreckt sich in einem Teil der Aula des Gymnasiums und ist von grauen Holzgestellen flankiert, auf denen die Kostüme der verschiedenen Rollen hängen. Die unterschiedlichen Perücken und die Kleidung, die einem OP-Kittel gleich von vorn über das aus grauer Hose und T-Shirt bestehende Grundkostüm geworfen wird, ermöglichen schnelle Rollenwechsel zwischen den einzelnen Szenen, die von rhythmisch-dynamischer Musik begleitet werden. Die optischen Alleinstellungsmerkmale der Rollen wirken mitunter karikativ, beispielsweise die blonde Karen-Frisur des Hochwürden oder der helmartige Frisurenhut, der den Kopf des Soldaten ziert. Die Kostüme sind mal in zartem Pastell gehalten, mal in satten Farben, und unterstreichen so das willkürliche Zusammenspiel von Individuen, aus denen sich eine Gesellschaft und schließlich ein ausgrenzender und anklagender Mob formt, um das vermeintlich Andere aus seiner Mitte zu verstoßen.

„Als wäre Jude sein eine Ursache, und keine Identität.“

Die Maske der fünf Schauspieler*innen besteht aus rotorangefarbener Schminke, die die obere Hälfte ihrer Gesichter ziert, während die untere Hälfte weißgrau gefärbt ist – womöglich eine Anspielung auf die geweißelten Fassaden der Andorraner*innen zur Feier des Sankt-Georgs-Tags, auf denen jeder Spritzer Blut eines zur Schlachtbank geführten Viehs sichtbar wird. Feinheiten wie diese unterstreichen die Eindrücklichkeit des Stücks, die mit nur wenig Aufwand gelingt und das ausdrucksstarke Spiel der Darsteller*innen, das von ihren klaren und intensiven Stimmen durch das Stück führt, umso stärker und betont hervortreten lässt.

„Vielleicht fängt Antisemitismus da an, wo man glaubt, man sei noch neutral.“

Zwischen den Szenen gibt es immer wieder ‚Ansprachen‘ einzelner Rollen ans Publikum, wobei deutlich wird, dass sie auf das im Stück Geschehene zurückblicken und eine eigene Mitschuld am Schicksal Andris entschieden von sich weisen. Beinahe Fürbitten ähnlich wiederholt sich die Phrase: „Ich bin nicht schuld, dass es dann so gekommen ist.“ So wird die lebende Masse, in deren Schutz sich Individuen verstecken und die sich durch die Illusion eines Gleichartigkeit versprechenden ‚Wir‘ von ‚den Anderen‘ abgrenzen möchte, in einzelne Individuen aufgebrochen, die eine Schuld für sich nicht erkennen wollen, da sie diese nur der Dynamik einer Masse zuschreiben, deren Mitläufer*innen sie lediglich waren. Eine eindeutige Anspielung Frischs auf die Verdrängungskultur der Kriegsgeneration, die Lorenz hier einmal mehr entlarvt zur Schau stellt.

Die Regisseurin ergänzt das Stück zudem durch Zwischenszenen, in denen mehrere Schüler*innen des Franz-Ludwig-Gymnasiums Antisemitismus sowie gesellschaftliche Solidarität diskutieren und die Geschichte so unmittelbar mit der aktuellen Gegenwart verknüpfen.

Die Leistungen der Schauspieler*innen sind beeindruckend und effektvoll, so sehr glänzen diese nebeneinander. Durch die Verteilung von mehr als nur einer Rolle pro Kopf beweisen die Akteur*innen die Vielfalt ihres Könnens, indem sie einerseits die vorurteilsbehafteten, konservativen Andorraner*innen, andererseits auch tragischere Figuren aus Andris Umfeld verkörpern, dessen Schicksal schließlich unmittelbar mit seinem verknüpft ist.

„Einmal muss man auch vergessen können, finde ich.“ – „Nein. Nie wieder.“

Die Dynamik aus Frischs Stück und der Spielweise des Ensembles kreiert eine Spannung, die unter die Haut geht. Während der Aufführung ist deutlich zu spüren, wie die Zuschauer*innen vor allem im zweiten Akt des Stücks so sehr vom sich vor ihnen entfaltenden Schrecken gefesselt sind, dass man in den kurzen Pausen der Sprechakte eine Stecknadel im Saal fallen hören könnte. Das Stück ist durch den Bezug zur aktuellen Gegenwart und das hervorragende Spiel einmal mehr zu empfehlen.

Weitere Aufführungen finden am 12., 13., 14., 19., 20., 21., 25., 26. und 27. März um jeweils 19.30 Uhr statt.

von Nike Kutzner

Fotos: © Werner Lorenz

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