Julia Armfield – Gestalten der Tiefe
Julia Armfield – Gestalten der Tiefe

Julia Armfield – Gestalten der Tiefe

„Ich glaube, es ist am einfachsten, Wärme zu empfinden, wenn ein Teil von uns kalt ist.“

CW: Persönlichkeitsveränderung, Tod

Zwischen einer Liebesgeschichte, magischem Realismus und stillem, aber umso präsenterem Horror entfaltet sich die Geschichte von Leah und Miri. Gestalten der Tiefe von Julia Armfield, aus dem Englischen von Hannah Pöhlmann übersetzt, ist ein Roman, der jegliche Genregrenzen verschwimmen lässt. Die deutsche Übersetzung erschien bereits 2024 mit einem anderen Cover im Kommode Verlag. Die neue Taschenbuchausgabe des btb trägt jetzt das wesentlich gelungenere Originalcover.

Die Meeresbiologin Leah ist während eines Unfalls bei einer Forschungsreise mit einem U-Boot auf den Meeresboden gesunken. Als sie Monate später wieder auftaucht, erkennt ihre Frau Miri sie jedoch nicht wieder. Die Freude über die Rückkehr ist groß, aber die Unsicherheit über Leahs Veränderungen ist größer. Was ist unter Wasser wirklich passiert? Warum badet Leah stundenlang, trinkt nur noch Salzwasser und redet ausschließlich über den Ozean?

„Ich glaube nicht, dass ich dachte, wir könnten alles wieder in Ordnung bringen. Ich war mehr damit beschäftigt, was als Nächstes passieren würde.“

Armfield nutzt diese spannende Grundsituation nicht, um einen actionreichen Plot zu erzählen, sondern entfaltet eine ausführliche Charakterstudie. Aufgrund der zweifachen Erzählperspektive erfährt man sehr viel über die beiden Protagonistinnen. Während Leahs Kapitel hauptsächlich von der Forschungsreise erzählen, wechselt Miris Perspektive zwischen der Vorgeschichte, der Zeit während Leahs Abwesenheit und der Gegenwart. Besonders interessant sind dabei Szenen, in denen sich die beiden begegnen, wobei nie ganz klar wird, ob diese überhaupt stattgefunden haben. Eine Solche Unklarheit wird unterstützt von Gesprächen, die Miri mit ihrer Freundin Carmen und mit der Schwester von Leahs Kollegin führt, sowie durch die Paartherapiesitzungen.

„Wir weinen viel mehr um uns selbst, da wir ohne die Person, die wir verloren haben, auskommen müssen, als wir um die Person weinen – aber noch mehr: Wir weinen, weil es hilft.“

In poetischer Sprache und ausgefeilten Sätzen erzählt Armfield von der Schönheit und dem Schrecken der Meere. Gezielt lässt sie zahlreiche Hintergrundinformationen einfließen und sorgt dafür, dass sie die Beschreibungen zugleich realistisch und ungeheuerlich anfühlen. Insgesamt handelt es sich bei Gestalten der Tiefe um ein außergewöhnliches und lesenswertes Buch. Hoffentlich folgen weitere Übersetzungen der Bücher von Julia Armfield.

von Jasmin Fuchs

Julia Armfield
Gestalten der Tiefe
Aus dem Englischen von Hannah Pöhlmann
btb 2026
14,00 Euro
320 Seiten
ISBN 978-3-442-77558-3

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