Fatima Daas – Spiel das Spiel
Fatima Daas – Spiel das Spiel

Fatima Daas – Spiel das Spiel

Aufstieg als Spiel

Nach Fatima Daas‘ erfolgreichem Debütroman Die jüngste Tochter, dessen deutsche Übersetzung 2021 mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, folgt nun der zweite Roman Spiel das Spiel. Daas erzählt vom Spiel des sozialen Aufstiegs. Wer entscheidet nach welchen Kriterien, wer mitspielen darf? Was gibt es zu gewinnen und zu welchem Preis? Wer riskiert wie viel, wer hat was zu verlieren?

Protagonistin Kayden spürt die Enge ihres Zuhauses konstant. Zusammen lebt sie mit ihrer Schwester und ihrer Mutter, die im Wohnzimmer auf einem Klappsofa schlafen muss, in einer Banlieue. Ihre Mutter muss sich abmühen und ist dennoch für ihre beiden Töchter präsent. In der Schule ist Kayden von ihren Freund*innen Nelly, Samy und Djenna umgeben. Sie alle versuchen ihren Weg zu finden, doch das System lastet schwer auf ihnen allen. Kay weiß selbst nicht so recht, wo es für sie hingehen soll. Sie träumt nicht von großen Zielen, mit der Sicherheit, dass ihr die Welt offen stünde. Ihre Französischlehrerin Madame Fontaine drängt sie jedoch bald darauf, sich für die Aufnahme zur Eliteuniversität Science Po zu bewerben, denn Kay zeigt ein besonderes Talent für das Schreiben. Kay schreibt über das, was sie bewegt, braucht es um mit sich und der Welt fertig zu werden. In den drei Jahren, in denen sie sich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet, schreibt sie immer mehr von Madame Fontaine, die sie fördert, aber die Beziehung der beiden über ein Lehrerin-Schülerin-Verhältnis hinausgehen lässt. Erst rückblickend erkennt Kay, welches Machtgefälle dieser Beziehung inhärent war. Daas dechiffriert das Ungleichgewicht zwischen Mentorin und Mentee und legt offen, wie anfällig eine solche Dynamik aufgrund dessen für Manipulation und Machtmissbrauch ist.

„[I]ch schämte mich nicht für meinen Blick, der auf ihr ruhte, ich schämte mich nicht für das, was ich fühlte, ich war eher glücklich, dass etwas in mir an seinen Platz fiel. Ich mag die Vorstellung von mir als einem Kind, das bereits Frauen mag.“

Ähnlich zu Die jüngste Tochter erzählt die Autorin auch in Spiel das Spiel ein lesbisches Coming-of-Age. Beinahe eine kollektive lesbische Erfahrung dürfte der Crush auf eine Lehrerin sein und Daas zeichnet diese nach – erweitert um eine Dimension, die sich zwischen Anhimmeln und Affäre bewegt. Diesen Zustand des Schwebens, einer Beziehung, die sich nicht definieren lässt, vielleicht weil sie es nicht darf, transportiert die Autorin eindrücklich. Sie tariert neben Kays lesbischer Identität auch ihre geschlechtliche aus und gibt der Fluidität Raum. Sie lässt Kay von sich sagen, dass sie früher (wie) ein Junge war, nicht weiß, was es bedeutet, ein Mädchen zu sein, und es ihr besser geht, wenn sie sich „hin- und herbeweg[t], in einem Dazwischen, das vage bleibt, nicht ganz greifbar“. Wenn ihr Umfeld nicht weiß, ob sie männlich oder weiblich ist, stört sie das nicht, jedoch schon, wenn Leute denken, dass sie ein Junge sei, dann feststellen, dass sie ein Mädchen ist und schlussfolgern, dass sie ein Junge ,werden‘ wolle: „Ich wünsche mir besser zu sein als das, was sie sich unter einem Jungen vorstellen.“

Regeln, die nicht für alle gelten, Regeln, nach denen nicht alle spielen (müssen)

Daas verhandelt die Dimension von Macht auch in einem strukturellen Kontext. Sozioökonomisches Kapital bestimmt, für wen etwas ein Spiel bleiben kann und für wen zu viel auf dem Spiel steht. Die Autorin beschreibt eine Art Class Saviorism, bei dem Personen wie Madame Fontaine sich selbstbeweihräuchernd in den Schulen der Banlieue, der Peripherie vormachen, „,diese Jugendlichen vor ihrem gesellschaftlichen Schicksal [zu] bewahren‘, nicht alle natürlich, nur die, die es verdienen, dass man hinschaut, die das Spiel spielen wollen“. Besonders die Figur Djennas prangert dieser Heuchlerei an, verkörpert die Wut ob dieser Vorführung und zeigt: „Zu sehen, dass jemand die eigene Wut teilt, rettet einen manchmal.“

Mit nicht einmal 200 Seiten ist der Roman recht kurz geraten, was leider erzählerisch mit Einbußen an Dichte und Vertiefung einhergeht. Die Dynamiken werden lediglich angerissen, skizziert und erscheinen dadurch gelegentlich unterentwickelt. Was jedoch gezeigt wird, ist so gut und vielversprechend, dass man gerne mehr gelesen hätte. Man ist beispielsweise ganz überrascht, als man erfährt, dass das Büchlein drei Jahre umspannt. Der Roman liest sich sehr dynamisch, die vielen kurzen Szenen wirken wie eine schnelle Abfolge von Bildern, wie Filmsequenzen. Die jüngste Tochter wurde verfilmt und ist seit Anfang des Jahres in deutschen Kinos zu sehen (Filmkritik) – hoffentlich ebenso Spiel das Spiel, geeignet wäre der Roman dafür besonders!

von Michaela Minder

Fatima Daas
Spiel das Spiel
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
claassen 2026
192 Seiten
23,00 Euro
ISBN 978-3-546-10160-8

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert