Megan Hunter – Tage des Lichts
Megan Hunter – Tage des Lichts

Megan Hunter – Tage des Lichts

Wenn Licht zugleich blendet als auch leitet

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CW: Tod, Trauer 

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Momente können mit den unterschiedlichsten Sinneseindrücken in unseren Erinnerungen haften bleiben. Es kann der Geruch der feuchten Erde am Ostermorgen sein, das sich brechende Sonnenlicht auf dem noch nicht abgeräumten Küchentisch oder der Geschmack von Gin auf der Zunge, in dieser einen sternenklaren Nacht. In dem Roman Tage des Lichts widmet sich Megan Hunter dem Leben einer achtzigjährigen Protagonistin, indem sie uns an sechs Tagen ihres Lebens teilhaben lässt. 

Ivy wächst mit ihrem Bruder Joseph in England in einer Familie aus Künstler*innen auf. Nach einem nächtlichen Ausflug an den See an Ostern verschwindet Joseph für immer. Ivy hat während des Schwimmens in der Kälte des Sees eine Lichterscheinung, die sie sich, genauso wie den Verbleib ihres Bruders, nicht erklären kann und die ihr gesamtes Dasein beeinflussen wird. Während der gezeigten Tage ihres Lebens wird die Suche nach Antworten, aber auch die Suche nach dem lebbaren Leben selbst in einem Nebel voller Ungewissheiten und anhaltender Trauer deutlich. Ivy erlebt im Verlauf ihres Lebens unterschiedliche Arten von Liebe und Hingabe, aber auch der Trauer und Ratlosigkeit. Ob in der Ehe, einer geleichgeschlechtlichen Affäre, der Familie, sowie Mutterschaft und im Glauben an Gott.

„Die Welt, die sie sehen konnte, war eine Spielwelt, in der eine Handlung genauso viel bedeutete wie die andere.”

Bereits an dem ersten Tag, an dem wir Lesenden Ivy begleiten dürfen, wird deutlich, wie sich diese Familie von anderen unterscheidet und die Protagonistin zur Suche nach ihrer eigenen Identität auffordert. Denn im Jahre 1934 in einer Familie aufzuwachsen, die sich ganz der Kunst verschreibt und dabei selbst das Konzept der klassischen, der zur damaligen Zeit üblichen, Familie mit zahlreichen Liebschaften und Beziehungen durchbricht, scheint zugleich alles möglich und nichts gut genug für die Zukunft Ivys zu sein.

Indem die meiste Zeit lediglich die Namen, und nicht beispielsweise deren Familienrolle genannt wird, erzeugt Hunter von Anfang an eine Unsicherheit bei den Lesenden und Distanz zwischen den Figuren. Zudem drängen sich Sinneseindrücke, sowie Beschreibungen des direkten Umfeldes und vor allem der Natur in den Vordergrund und gehen fließend in die Empfindungen von Ivy über, was zugleich Distanz zum eigentlichen Handlungsgeschehen schafft und den unsicheren Lebensverlauf spiegelt. Gleichzeitig wird jedoch auch hier die Möglichkeit eröffnet beispielsweise Geschlechts- und Körpergrenzen zu überschreiten.

„Das Leben fand statt, und sie war mittendrin, doch es schien keine Kontrolle zu geben, keine Wahl.”

Ivys Sein wird von der Trauer und der Ungewissheit überschattet und anders als der Titel des Romans vielleicht implizieren könnte, sind „Tage des Lichts“ keinesfalls mit Wärme gleichzusetzen. Es handelt sich wohl mehr um das Licht, das auf eine Erinnerung fällt und diese erhellt und sichtbar macht, gerade weil sie im Rückblick für den Verlauf des Lebens Bedeutung sind und diesen beeinflusst haben. Den Roman durchzieht die Metaphorik des Lichts in unterschiedlichsten Spielarten und durchbricht Körper, sowie Geschlechtsgrenzen, gesellschaftliche, sowie Beziehungskonzepte und spielt auf eindrückliche Art mit den Konzepten der Religion und Kunst.

„Nichts war in Ordnung, es war schon lange nicht mehr in Ordnung, wenn es das überhaupt jemals gewesen war.”

Hunter beschreibt in poetischer feiner Sprache eine Suche nach Identität und einem Lebensweg, der von Liebe, Leidenschaft, Mut, sowie Sehnsucht, Schuld und Glaube geprägt ist. Der Roman fordert gerade durch seine Vermittlung der Trauer und der Überschreitung von gesellschaftlichen Konventionen die Lesenden heraus und macht das Leseerlebnis zu einer intensiven Erfahrung, die dabei durchaus bedrückend ist. Anhand von Ivys Sein wird deutlich, dass eine Biographie nicht linear verläuft, auch wenn man es im Nachhinein chronologisch erzählt. Die Lebensgeschichte selbst sind Tage des Lichts, mit allen seinen Facetten und Spielarten.

von Selina Hoffmann 

Megan Hunter
Tage des Lichts 
Aus dem Englischen von Judith Schwaab 
C.H. Beck 2026 
304 Seiten 
24,00 Euro 
ISBN 978-3-406-84339-6

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