Von Selbstüberschätzung und Selbstzerstörung
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CW: Ermordung eines Tieres
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Manche Autor*innen wählen für ihren Romaneinstieg die Ermordung eines Tieres – um provokant in die Erzählung zu führen, den Ton zu setzten à la „Das ist kein Roman, der sich vor so etwas scheut“ und von Beginn an auf drastische Weise klarzumachen, dass es sich bei dem*der Protagonist*in als Mörder*in eines Tieres um einen unlikeable character handelt. Res Sigusch in Unbegründete Ängste und Laura Dürrschmidt in Sommer der schlafenden Hunde halten es mit Hunden, während Nora Haddada in ihrem Debütroman Nichts in den Pflanzen Protagonistin Leila die Katze ihres Freundes ertränken lässt.
Mit diesem Einstieg erzählt die Autorin eine Geschichte von Selbstzerstörung, Ehrgeiz, Missgunst und der Berliner Kulturszene. Drehbuchautorin Leila hat ihren ersten Vertrag bei einer großen Produktionsfirma unterschrieben – Durchbruch und Erfolg sind in Aussicht… Wenn sie das Drehbuch bis zur Deadline zu Ende schreibt und auf Anweisung der Produzentin hin ihre Protagonistin „netter, oder einfach weniger hassenswert“ macht, da man als Zuschauer „einfach ab[schaltet], wenn sie die ganze Zeit so ein Arschloch ist“. Eine köstliche Parallele zum Roman, dass Haddada dieser Forderung an das Drehbuch für Protagonistin Leila nicht nachkommt. Von Schreibblockaden geplagt, im Rausch, wenn sie sich die Nächte um die Ohren schlägt, eine vermeintliche Erleuchtung für den Plot niedergekritzelt, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass dieser Entwurf beim besten Willen mittelmäßig ist und sie somit nicht weiterbringt, taumelt Leila der Deadline entgegen. Dabei steht sie im konstanten Vergleich mit ihrem Umfeld, bei welchen sie mit jeder strengeren Nachricht der Produzentin ob ihres Verzuges immer schlechter abschneidet. Ihr ,erfolgsverwöhnter‘ Freund Leon und auch ihre Mitstreitenden in der Branche drohen sie abzuhängen. Leilas Frustration darüber entlädt sich in Selbstzerstörung und Neid, die sich destruktiv immer höher schaukeln.
Just like every other Filmemacher*in
Wenn sich in Besprechungen des Romans darüber ausgelassen wird, wie nervig und verwirrend es sei, dass so viele der Figurennamen mit L beginnen (der methodische Kniff kulminiert in Leilas Freund Leon und ihrer Affäre, ,dem Anderen Leon‘) wird klar verkannt, was direkt im zweiten Kapitel erklärt wird: Leila, Leon, L…, „[s]o heißen gerade alle“ – eine Szene von Kulturschaffenden, genauer Filmemachenden, in der Großstadt, in der jede*r etwas ganz Besonderes sein möchte und sich in dieser Besessenheit doch alle gleichen.
Haddada transportiert mit Leila einen schmollenden Ehrgeiz, der zur Manipulation greift sowie andere Menschen ausnutzt und sie aus Missgunst für ihren Erfolg bestraft – hier wird selbst vor dem eigenen Freund nicht Halt gemacht. Umso spannender ist das konsequente Ende des Romans. Nichts in den Pflanzen ist eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit Leistungsdruck, Prokrastination, Tokenismus, Vermarktung von Kunst, dem Streben nach Erfolg und dem Scheitern. Letztlich dürften nach der Lektüre alle Leser*innen wissen, was die Glabella ist, und nicht umhinkommen, die Bezeichnung genauso inflationär zu benutzen.
von Michaela Minder

Nora Haddada
Nichts in den Pflanzen
Ecco Verlag 2023
240 Seiten
24,00 Euro
ISBN 978-3-7530-0087-9