„Bist du echt?“ – „Ich bin nur eine Idee.“
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Zwischen Musen, Gespenstern und Außenseiter*innen entspinnt sich die Handlung von Die Ratten im verstaubten Kostümfundus des gescheiterten Theaterdirektors Hassenreuter. Am 13.03.2025 feierte das Stück unter der Regie von Murat Yeginer im ETA Hoffmann-Theater in Bamberg Premiere und bringt die Geschichte frei nach Gerhart Hauptmann in neuem Gewand auf die Bühne.
Im Zentrum des Geschehens steht Jette John, gespielt von Eli Wasserscheid, die im Kostümfundus putzt und nach dem Verlust ihres ersten Kindes verzweifelt versucht, das ungewollte Kind der Prostituierten Hava (Leyla Bischoff) an sich zu reißen. Nachdem die eigentliche Mutter ihr Kind jedoch zurück möchte, greift Frau Johns Bruder Bruno (Hermia Gerdes) gewaltvoll ein.
Das Stück zeichnet im Kern ein Psychogramm der Hauswartin und bleibt dadurch seinem naturalistischen Ursprung treu. Eli Wasserscheid spielt überzeugend und einnehmend das äußerst beklemmende emotionale Auf und Ab der Frau John. An dem Verlust ihres ersten Kindes zerbrechend und von ihrem Mann Paul (Eric Wehlan) alleingelassen, verstrickt sie sich immer tiefer in Abwege und bemerkt erst zu spät die Auswirkungen ihres Handelns.
Eine spannende Figur stellt Bruno dar, an dem sich zeigt, wie Fremdzuschreibungen das eigene Selbstbild beeinflussen können. Von klein auf als gefährliches Monster gebrandmarkt, wird er schließlich zu eben diesem Monster entmenschlicht. Einzig in seiner Beziehung zu Selma, die ebenso als Außenseiterin gilt, scheint seine innere Gebrochenheit und Sensibilität auf. Etwas kurz gegriffen erscheint hingegen die Figur des Quaquaro (Valentin Bartzsch), der als Neonazi-Verschnitt seine Wirkung verfehlt.
Besonders hervorzuheben ist das Geschwisterpaar Sidonie (Avi Meyer) und Selma (Laura Röseler), die bei Yeginer im Vergleich zum Ursprungstext eine deutliche Aufwertung erlebt haben und somit eine größere Rolle im Stück spielen. Laura Röseler als Selma bereichert das Stück durch ihre Puppenspielkunst, wodurch ihre Rolle mehr an Tiefe und Komplexität erlangt. Wie ein Gespenst bewegt sie sich über die Bühne und schafft es dabei das kindliche Verlorensein der Figur zunächst einzufangen, bevor es am Ende überwunden wird.
Die Musik von Avi Meyer und Elias Caspar Biegler fügt sich nahtlos und organisch in das Geschehen ein und übernimmt die Aufgabe der Charakterexploration und emotionaler Vertiefung, wie man es von Arien der Oper kennt, und schafft es dabei sowohl Leichtigkeit als auch Ecken und Kanten beizubehalten.
„Wer will denn überhaupt Kunst?“
Als Vertreter der Oberschicht erscheinen der ehemalige Theaterdirektor Hassenreuter (Stephan Ullrich), seine Tochter Walburga (Sophie Angehrn) sowie ihr Privatlehrer Erich Spitta (Daniel Warland). An dem Verhältnis Hassenreuters zu seiner Olympia alias Alice Rütterbusch (Sorina Kiefer) entspinnt sich eine Reflexion über die Stellung der Muse in der Kunst. Von Hassenreuter auf dem Kiez aufgesammelt, wird Alice für die Rolle der Olympia geformt und danach, genauso wie der Rest des Theaterfundus, eingelagert.
In einer poetologischen Diskussion über die Rolle des Theaters reflektieren Spitta und Hassenreuter die Spannung zwischen darstellender Kunst und ökonomischer Geschäftsführung – zwei Ansprüche, die gleichermaßen an den Theaterbetrieb gestellt werden. Darüber hinaus wird auch der Inhalt diskutiert: Während Hassenreuter dem klassischen Theater der Antike nachtrauert, fordert Spitta die Darstellung der Realität. Er erscheint auf der Bühne somit als Vertreter des Naturalismus, eben jener literarischen Strömung, die Hauptmann verkörperte. Wiederholt fordert er, das Theater müsse die Menschen aufwecken, man müsse die Realität abbilden und er wolle die Wahrheit von der Bühne predigen. Am Ende jedoch, wenn die Katastrophe sich ereignet, steht er ebenso untätig wie Hassenreuter am Bühnenrand, unfähig, die realen Verhältnisse zu verändern. Somit zeigt sich, dass seine revolutionären Ideen, so klug sie auch sein mögen, eben genau das sind: Ideen.
Die Ratten in der Inszenierung von Murat Yeginer ist sehr voll an Ideen und Themen, was schnell überladen wirken kann, hier allerdings kunstvoll zusammengeführt wird. Mit elf Schauspieler*innen handelt es sich um eine sehr große Produktion, was dem Stück allerdings nur zugutekommt.
Die nächsten Aufführungen finden am 20., 22., 26., 27. und 28.03. sowie am 01. und 02.04. jeweils um 19:30 Uhr statt.
von Judith Albert






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