Alexandra Warwick – The North Wind. Reich aus Eis und Schatten
Alexandra Warwick – The North Wind. Reich aus Eis und Schatten

Alexandra Warwick – The North Wind. Reich aus Eis und Schatten

„‚Auch ich weiß, was es heißt, allein zu sein.‘“

CW: Alkoholismus, Erbrechen, Gewalt, Jagd, sexuelle Handlungen

Eine Welt voller Kargheit, Kälte und Gefahren ist es, in der Wren täglich für das Überleben ihrer Zwillingsschwester Elora und ihr eigenes sorgen muss. Und ihre Schwester ist es, die ihr in dieser Welt Rückhalt, Wärme und Geborgenheit gibt, während sie im Reich des Frostkönigs Boreas von immerwährendem Winter umgeben sind. Umso schockierter ist Wren, als der Nordwind die liebliche Elora als sein nächstes Opfer erwählt, um mit ihrem Blut den Schattenwall und damit die Barriere zum angrenzenden Totenreich aufrechtzuerhalten. Da Wren als kämpferische Überlebenskünstlerin genau das Gegenteil ihres zarten Zwillings bildet, will sie Elora ein solches Schicksal nicht zumuten und nimmt ihren Platz ein. Während sie mit dem Frostkönig in die Tiefen seines eisigen Reichs zurückkehrt, reift in ihr der ebenso eisige Plan, seiner Herrschaft ein Ende zu bereiten, um in ihr altes Leben zurückkehren zu können. Doch im steten Fluss des Lebens ändern sich Beziehungen, und mit ihnen die wichtigsten Personen um einen herum, und schließlich weiß Wren nicht mehr, ob sie in ihr altes Leben zurückkehren kann – oder überhaupt will?

„Er ist der dunkle Fleck, der kalte Wind, der schwarze Strom, die Schneise, die die Schlachtfluten teilt.“

Personifikationen von Naturgewalten gibt es in Mythen verschiedensten Ursprungs. Die Autorin Alexandra Warwick entscheidet sich in ihrer Dark Romance-Tetralogie für die Anemoi, die vier Brüder aus der griechischen Mythologie, die die Winde der Himmelsrichtungen verkörpern. Den Auftakt der Reihe macht The North Wind, in dem die Protagonistin Wren aus Not heraus zur Gefährtin des Nordwindes Boreas wird und zeitgleich gegen ihre eigenen Dämonen aus der Vergangenheit ankämpft. Dem Genre entsprechend ist die Welt eine düstere, in der die Figuren Alkoholabhängigkeit, Prostitution und Misshandlungen erlebt haben, und die Rauheit der kargen und frostigen Umgebung symbolisch für den überall lauernden Tod stehen. Vor diesem Hintergrund erschafft Warwick einen klassischen Enemies-to-Lovers-Trope, der von vorne bis hinten spannungsvoll aufgeladen bleibt, und durch seinen finsteren und mythologischen Hintergrund perfekt für Freund*innen von düsteren Liebesgeschichten in einem Fantasy-Setting ist.

Erfrischend ist zudem die Darstellung von Wren und Elora als People of Colour ohne Plot-Relevanz. Durch diese scheinbare Kleinigkeit wird subtil eine natürliche Diversität im Buch etabliert, was für eine mittelalterlich angehauchte Fantasywelt aus dem Globalen Norden keine Selbstverständlichkeit ist.

„Worte sind schließlich nichts anderes als in Schwingung versetzte Luft, und doch haben sie überraschend viel Gewicht.“

Durch die deutlichen Thematisierungen von psychischen Abgründen, Gewalt und Traumata sind sich die Content Warnings für dieses Buch jedoch ausdrücklich zu Herzen zu nehmen. Zudem ist hervorzuheben, dass das Genre der Dark Romance problematische Beziehungsformen romantisiert, weshalb das Werk nicht für Minderjährige zu empfehlen ist. Wer sich über diese Dinge jedoch im Klaren ist und Lust hat, sich in einer dunkel-romantischen und spicy Liebesgeschichte zu verlieren, für den gilt eine klare Kaufempfehlung. Das schöne, schwarze Cover mit dunkelblauen Blüten darauf spiegelt zudem die düstere Romantik des Inhalts wider und in limitierter Ausgabe ist das Werk auch mit einem auf den Nordwind angepassten frostblau-weißen Farbschnitt erhält, das im Bücherregal einen besonderen Hingucker verspricht.

Leider fallen beim Lesen kleine Inkonsistenzen im Plot auf, die das Hochziehen einer Augenbraue rechtfertigen. So erkennt Boreas als jahrhundertealter Gott kein Korsett, obwohl er mehrfach verheiratet war; einmal wird Wren beschrieben, wie sie sich ihre Zähne putzt, ohne dass thematisiert wird, wie das in dieser mittelalterlich angehauchten Welt funktioniert; und am Anfang des Buchs schärft sie sich selbst ein, bei ihrer Fortreise mit Boreas aus dem Dorf nicht reden zu dürfen, damit er nicht bemerkt, dass sie Eloras Platz eingenommen hat – nur um keine Seite später mehrfach den Mund aufzumachen, was ihrer Tarnung jedoch keinen Abbruch tut.

Diese Dinge sind jedoch Kleinigkeiten auf die Gänze des Buchs gesehen und lassen sich leicht verschmerzen. Warwicks The North Wind überzeugt als eindeutiger Vertreter seines Genres und verknüpft mittelalterliche Fantasy mit griechischen Mythologien. Eine klare Empfehlung für das Betreten dieser frostigen Welt, das knisternde Kaminfeuer als Auszeit vom Alltag verspricht.

von Nike Kutzner

Alexandra Warwick
The North Wind – Reich aus Eis und Schatten
Aus dem Englischen von Anne-Marie Wachs und Simone Jakob
arsedition 2025
544 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-8458-6107-4

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