Sizilianisches Arkadien und Freiluftakte
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Der Foto- und Kunsthistoriker Ulrich Pohlmann widmet sich in Taormina. Der Traum vom Eros des Südens. Leben und Werk des großen Fotografen Wilhelm von Gloeden 1856–1931 umfassend dem Künstler sowie seiner Kunst.
„Dass Sizilien von Außenstehenden um die Jahrhundertwende als Insel der Glückseligkeit wahrgenommen wurde, ist vor allem Gloedens Tätigkeit als Pionier der männlichen Aktfotografie zu verdanken.“
Wilhelm von Gloeden vermochte es, da er aus einem preußischen Adelsgeschlecht stammte, sich 1876 zur Heilung seines Lungenleidens im sizilianischen Taormina niederzulassen. Als Fotograf wurde Taormina zum Mittelpunkt seiner Arbeit – die Landschaft und die Leute prägten seine Aufnahmen und verschafften dem Ort im ausgehenden 19. Jahrhundert internationale Bekanntheit.
Pohlmann untersucht sorgfältig bereits existierende Forschung zu Gloeden und trägt in dieser Monografie diverse Aspekte seines Lebens, seines Werkes und deren Kontextgebundenheit zusammen. Dadurch entsteht eine gründliche Auseinandersetzung, die anhand von drei thematischen Schwerpunkten gegliedert ist: das dokumentarische Portrait Siziliens, die Freiluftstudien junger männlicher Akte und die Strahlwirkung Gloedens Werk über sein Schaffen hinaus.
„,[E]s ist schon kompromittierend zu sagen, dass man nach Taormina fährt. Jetzt, wo es mit Liebhabern überschwemmt ist.‘“
Taorminas Stellenwert als Ort, der auf homophile Besucher eine besondere Anziehungskraft ausübt, wird schnell deutlich. Ein Besuch dort „,bedeutete eine Rückkehr zum unschuldigen Leben der Sinne in einer natürlichen, zeitlosen Umgebung und, weiter gefasst, eine idealisierte „hellenische“ Vision männlicher Homoerotik, die in direktem Gegensatz zur Pathologisierung männlicher gleichgeschlechtlicher Liebe in der zeitgenössischen medizinischen Literatur und ihrer Kriminalisierung im britischen Recht stand.‘“ Zeitgleich wird die Konsequenz dessen, Massentourismus, und Gloedens Verantwortung darin diskutiert. Die Illusion eines Idylls eines vermeintlich einfachen und dadurch glücklichen Lebens dort, dessen Narrativ von außen, von einem wohlhabenden Ausländer produziert wird, dechiffriert Pohlmann.
Gloedens fotografische Technik, Dramaturgie sowie das Selbstverständnis als fotografierender Künstler werden eingehend vorgestellt und der Autor arbeitet mit diversen Zugängen die damalige Rezeption Gloedens sowie den retrospektiven Diskurs zum Künstler anhand von Sekundärliteratur heraus.
Pohlmanns Blick auf Gloeden reicht über dessen Erfolg, der ihn zum „bekanntesten Aktfotografen seiner Zeit“ und zum „Pionier des Freilichtaktes und der männlichen Aktdarstellung“ machte, hinaus. Ebenso finden die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die sein Leben und Werk maßgeblich beeinflussten, sowie die späten Jahre seiner Karriere, die zunehmend von Repression und Regression geprägt waren, Betrachtung. Als Beispiel sind die mehrdimensionalen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges zu nennen, die unter anderem eine Abkehr vom Schönheitsideal des „schwärmerischen, sinnlich lasziven Ephebenkult“ hin zu „virilen athletischen Körpern“ zur Folge hatten und damit diametral zu Gloedens bekanntestem Motiv standen.
„,[E]r ist der erste gewesen, der [Sizilien] für die Kamera entdeckt hat, der erste, der das Gesicht des Landes der Welt zugänglich gemacht hat und der dadurch die volkstümliche Darstellung von Sizilien nachdrücklicher und erfolgreicher geprägt hat als alle die literarischen Sizilienentdecker vor ihm.‘“
Pohlmann umfassender Ansatz schlägt sich darin nieder, dass er zum einen manche bisherigen biographischen Behauptungen falsifizieren kann. Zum anderen zeichnet er Gloedens Netzwerk an Künstler*innen nach, tariert aus, wer dem Fotografen bzw. seiner Kunst begegnet sein kann und welche Parallelen in den Werken auf eine Referenz Gloedens zurückgehen dürften. Beispielsweise sind die Parallelen in Pablo Picassos Gemälde The Pipes of Pan (1923) zu einer Fotografie Gloedens von 1901 oder Ludwig von Hoffmanns Orangenernte (1906) zu Gloedens Der Orangenpflücker (1890) unmissverständlich. Mit diesem dritten Schwerpunkt der Monografie bettet der Autor Gloedens Werk in einen ganzheitlichen kunsthistorischen Kontext ein.
„Die Fotografie bot ihm die Möglichkeit, seine gleichgeschlechtliche Neigung in einem jugendlichen Schönheitsideal zu visualisieren. Das Medium wird zu einem Mittel der Sozialisierung des Eros.“
Pohlmann ordnet die Epheben als dominierendes Motiv Gloedens ein: Die jungen männlichen Modelle seien Gegenstand seines homoerotischen Begehrens gewesen und die Antikensehnsucht basiere ebenfalls auf der damals institutionalisierten und gesellschaftlich positiv besetzten Päderastie. Pohlmann erkennt die hierarchische Beziehung zwischen den Modellen und dem Fotografen an, markiert und differenziert die diversen Ebenen dieser ungleichen Verhältnisse aus. Konsequent widmet sich der Autor dem Vorwurf der Pädophilie Gloedens gegenüber. Er diskutiert anhand von Sekundärliteratur über Belege zu sexuellen Handlungen zwischen Minderjährigen und dem Künstler, den zeitgenössischen Umgang in Ausstellungen dieser Aktaufnahmen sowie die Mehrdimensionalität von Agency unter Berücksichtigung des historischen Kontextes.
„Die Liebhaberei zum Broterwerb machen, meisterte Gloeden mit Erfolg.“
Die Monografie setzt sich zusammen aus etwa einem Drittel Text, der sich einführend sorgfältig mit dem Leben und Werk des Künstlers befasst und gelegentlich mit Abbildungen ergänzt wird. Die restlichen zwei Drittel bilden den Tafelteil, der, erneut thematisch gegliedert, Gloedens Fotografien und damit verbundene Abbildungen vorstellt. Pohlmann gibt 198 Fotografien des Künstlers dezidiert Aufmerksamkeit und Raum. Den einzelnen Fotografien werden jeweils eigene Seiten des großformatigen Buches gewidmet. Somit entfalten sie ihre Wirkung auf besondere Weise: stechend, wenn der Blick eines Portraits über die Seite hinausreicht; atmosphärisch, wenn die Landschaft Siziliens auf den*die Betrachter*in eine Sogwirkung ausübt. Abschließend unterstreicht eine Auflistung von Gloedens Ausstellungen, die von 1983 bis 1911 reicht, die produktive Karriere des Fotografen. Der umfangreiche Fußnotenkorpus sowie die gewissenhafte Bibliografie zeugen vom wissenschaftlichen Standard, mit dem sich Pohlmann Gloeden widmet.
„Künstler, die Zuflucht in arkadischen Motiven suchen“
All jene, die bereits in Taormina waren können sich besonders daran erfreuen, Perspektiven der Fotografien beispielsweise auf die Isola Bella wiederzuerkennen und alle anderen, können nicht umhin nach der Lektüre nicht auch in die sizilianische Küstenstadt reisen zu wollen – diese Kraft wohnt Gloedens Werken noch immer inne. Für Interessierte queerer (Kunst)Geschichte eröffnen sich durch die Referenzen zu anderen Künstler*innen und historischen Entwicklungen diverse Interdependenzen, die kohärent zusammengetragen wurden. Als sorgfältige Auseinandersetzung mit Wilhelm von Gloedens Leben und Werk ist die Monografie Ulrich Pohlmanns Taormina. Der Traum vom Eros des Südens. Leben und Werk des großen Fotografen Wilhelm von Gloeden 1856–1931 zu empfehlen.
von Michaela Minder

Ulrich Pohlmann
Taormina. Der Traum vom Eros des Südens. Leben und Werk des großen Fotografen Wilhelm von Gloeden 1856–1931
Schirmer/Mosel 2025
348 Seiten
78,00 Euro
ISBN 978-3-8296-0975-3