Staatstheater Nürnberg – Peter Grimes
Staatstheater Nürnberg – Peter Grimes

Staatstheater Nürnberg – Peter Grimes

Jeder hat Blut an den Händen

Ein Junge liegt starr und blutüberströmt auf einem Bett. Ein Mann kauert ebenfalls mit Blut beschmiert und mit einem Messer in der Hand über ihm. Wie konnte es dazu kommen?

Unter der Regie von Tilman Knabe brachte das Nürnberger Opernhaus Benjamin Brittens Oper Peter Grimes (Uraufführung 1945) in einer bunten, aber sehr intensiven Inszenierung am 19. Juni 2022 zu Premiere auf die Bühne. Vormalige Andeutungen über sexuelle Gewalt an Jungen werden hier ganz klar ausgesprochen und thematisch in den Vordergrund gerückt. So liegt auch das Leben von Peter Grimes zweitem Lehrling in der Verantwortung der Gemeinschaft, die ihn zur Rechenschaft ziehen muss. 

„Who can turn skies back and begin again?”

Der Fischer Peter Grimes bekommt von seinem in England liegendem Dorf eine zweite Chance: Nachdem der Tod seines ersten Lehrlings als Unfall deklariert wurde, lebt Grimes als unliebsamer Außenseiter am Rande der Gesellschaft. Leben und leben lassen ist das Motto des Dorfs, das Peter nun einen zweiten Lehrling, einen circa 10-jährigen Jungen aus dem Waisenhaus, anheuern lässt und zunächst die Anzeichen von Misshandlung ignoriert. Unterstützt wird Grimes durch die Lehrerin und Witwe Ellen Orford, die er, nachdem er sich Respekt und Freiheit in der Gemeinschaft erarbeitet hat, heiraten möchte. Doch Ellens Vertrauen in Grimes ist fehl am Platz. Denn obwohl Peter von Alpträumen und Wahnsinn geplagt gegen sich selbst kämpft, muss auch sein zweiter Lehrling Misshandlungen durch ihn erfahren und die Geschichte wiederholt sich. Als das Dorf endlich Beweise über ein ‚wirkliches‘ Verbrechen hat, bricht es in sensationsgieriger Euphorie zu einer Hetzjagd auf. Letztendlich tötet Grimes den Jungen in seinem Bett, was eine Abweichung der Inszenierung vom Original darstellt. Von Schuld und Verzweiflung zerrissen, folgt Grimes dem Rat des Kapitäns Balstrode, fährt aufs Meer hinaus und lässt sein Boot untergehen. Als seine Leiche am nächsten Morgen an Land geschwemmt wird, geht das Leben im Dorf wie gewohnt weiter. 

Sex, Drugs und kein Rock ’n‘ Roll 

In einem Setting von Wohnwagen und Plastikstühlen werden die geplagten Zustände des armen englischen Dorfs durch die große Besetzung des Nürnberger Chors eindrücklich dargestellt. Jeder und jede hat Dreck am Stecken, Alkohol, Drogen und Schlägereien stehen an der Tagesordnung. Das Pub der „Puffmutti“ und ihrer zwei Nichten, die sich prostituieren, ist das gesellige Dorfzentrum, in dem alle Alltagssorgen vergessen werden. Dafür wurde eine ungewöhnliche, an die 2000ern erinnernde Inszenierung ins Leben gerufen, nämlich mit Netzstrumpfhosen, Neonlichtern und Lederoutfits. Die angedeutete Wohnwagensiedlung, noch dazu regelmäßig mit komatösen Dorfbewohner*innen belagert sowie die überzeugende schauspielerische Leistung von Sänger*innen und den Mitgliedern des Chors kreierten ein glaubhaft und nahbares armes Fischerdorf. 

Nürnbergs Interpretation von Peter Grimes handelt gleichermaßen vom Zerfall einer Gemeinschaft wie von den Verbrechen selbst. Der gewalttätige Grimes misshandelt seinen Lehrling, schlägt seine Freundin – und das Dorf schaut zu. Trotz aller Anzeichen und der lauernden Warnung durch den Tod des ersten Lehrlings, wird die Gemeinschaft ihrer Verantwortung, den Waisenjungen zu schützen, nicht gerecht. 

Der Nürnberger Chor kann die gewaltige Macht der Gemeinschaft trotzdem in mehreren Gänsehautmomenten beweisen: Begleitet von der imposanten Musik des Orchesters drängt das Dorf Grimes bzw. Ellen mit ihren Anschuldigungen von der Bühne – und aus ihrer Gemeinschaft hinaus. Fackeln werden angezündet, eine Trommel ausgepackt und der Marsch beginnt. Die sonst bunten Kostüme, Tattoos und grellen Neonlichtern werden plötzlich durch Fackelschein und Rotlicht ausgewaschen und kreieren eine angespannte, bedrohliche Stimmung. In den dramatischen Zwischenpausen halten die Zuschauer*innen den Atem an. 

Diese auch teils unbequeme Dramatik wird z. B. auch durch das schöne Quartett der vier Frauen unterbrochen. Ellen, die Pub-Inhaberin und zwei Prostituierte singen schwermütig über ihre Rolle als Frauen in dieser Gesellschaft – und ihrer Relation zu den Männern. Die Arbeit als Barkeeperin, Zuhälterin und Prostituierte ehrt sie, weil auch sie nur einen Weg suchen, ihr Leben zu meistern und auch das Leben der ebenfalls leidenden Männer im Dorf für einen Moment zu verbessern. 

„PÄDO – KILL HIM“

Dass Grimes seine Lehrjungen missbraucht und schlägt, ist klassischer Teil der Oper. Doch Nürnberg geht einen Schritt weiter und formuliert die in der Luft hängenden Vermutungen über sexuelle Gewalt aus. So präsentiert Grimes seinen Doppelgänger selbst, auf dessen Oberkörper nämlich die Forderung des Dorfs „PÄDO – KILL HIM“ geschrieben ist. Er besucht seinen zukünftigen Lehrling im Waisenhaus, streicht ihm zärtlich über den Kopf. Der Junge stirbt zwangsläufig auch in seinem Bett. Die Zuschauer*innen können diesen Offensichtlichkeiten nicht ausweichen und müssen sich automatisch auch selbst mit ihrer eigenen Verantwortung gegenüber Kindern, die Sexualstraftätern ausgeliefert sind, auseinandersetzen. Während das Orchester spielt, werden zwei Informationsmeldungen eingeblendet. Nürnberg macht auf Jürgen Bartsch aufmerksam, der rund zehn Jahre nach der Uraufführung von Peter Grimes vier Jungen sexuell missbrauchte und schließlich ermordete. Es werden also Parallelen zwischen Gegenwart und Vergangenheit gezogen, indem auf den Zustand der Gesellschaft zu Zeiten von Bartsch Gerichtsprozess hingewiesen wird. Man schaut weg, bis die Vergehen eine Sensation sind, um die „Barbarei im Umgang mit Kindern im eigenen Land und in der eigenen Familie“ zu ignorieren. Eine weitere Einblendung thematisiert das Vorkommen von sexueller Gewalt gegenüber Kindern zu aktuellen Zeiten. Es gibt kein einheitliches Täter*innenprofil: Denn die Aktanten kommen aus allen sozialen Schichten, gehören den unterschiedlichsten sexuellen Orientierungen und Geschlechtern an.    

Aus dieser drastischen Thematik und dem gewählten Schwerpunkt ist ein aufwühlendes und teils brutales Stück geworden, das mit vielen Schlägereien und Blut untermalt ist. Es ist jedoch vollkommen angebracht und trotzdem stilvoll, denn doch mit dem nötigen Nachdruck, umgesetzt. Persönlich bin ich von Nürnbergs Peter Grimes tief beeindruckt und kann es jeder und jedem mit den vorangehenden Hinweisen wärmstens empfehlen. Der Premierenabend endete mit tosendem Applaus und zahlreichen Bravo-Rufen für die Sänger*innen, den Chor, das Orchester und die Regie – und das vollkommen gerechtfertigt. 

Die Vorstellung von Peter Grimes ist eine Mahnung an alle, sich unangenehmen Themen, wie sexuellen Kindesmissbrauchs, zu stellen und Verantwortung zu übernehmen!

Weitere Termine: 24.6. / 26.6. / 29.6. / 2.7. / 8.7. / 10.7. / 16.7.  

von Kathrin Fiedler 

© Ludwig Olah

Peter Grimes: Eine Oper von Benjamin Britten
Staatstheater Nürnberg
Premiere am 19.06.22

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