Tess Sharpe – The Girls I’ve Been
Tess Sharpe – The Girls I’ve Been

Tess Sharpe – The Girls I’ve Been

Wer ist Nora?

Zwanzig Minuten mit meinem Ex-Freund und meiner neuen Freundin, das war zu schaffen.“ Davon geht die Protagonistin Nora zumindest zu Beginn von Tess Sharpes The Girls I’ve Been aus. Womit sie allerdings nicht rechnet, ist, dass der Konflikt zwischen den drei Jugendlichen nicht das einzige Problem dieses Tages bleiben wird, da sie nur wenig später gemeinsam zu Geiseln in einem Banküberfall werden. Doch Nora ist kein gewöhnliches Mädchen: Seit sie denken kann, hat ihre Mutter – eine Trickbetrügerin – sie dazu gebracht, verschiedene Identitäten anzunehmen. Was Nora durch solch eine Kindheit gelernt hat, könnte sie nun während des Überfalls retten … oder sie alle in noch größere Gefahr bringen.

Die Zeit läuft

Zugegeben war ich als Leserin, die eigentlich selten zu Thrillern greift, bevor ich The Girls I’ve Been begonnen habe, unsicher, ob mich das Werk überzeugen würde. Meine Zweifel waren jedoch bereits nach wenigen Seiten vergessen. Die Figuren finden sich gleich zu Beginn des Romans in einem Banküberfall wieder, wodurch der Text ein Tempo aufbaut, das ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich beibehalten wird. Die Geschwindigkeit des Erzählten wird in jedem Kapitel durch genaue Zeitangaben zum Geschehen ergänzt, was für zusätzliche Spannung sorgt und den Eindruck vermittelt, die Situation wäre so prekär, dass keine Minute Zeit zu verlieren sei.

Nicht nur die gegenwärtige Zeit spielt eine große Rolle in diesem Jugendthriller, sondern auch die vergangene. In mal mehr, mal weniger regelmäßigen Abständen wird der Versuch, inmitten des Überfalls am Leben zu bleiben, von Kapiteln unterbrochen, die sich den früheren Identitäten Noras widmen. Auf der Reise durch die Vergangenheit(en) der Protagonistin wird die Geschichte jeder ihrer Persönlichkeiten erzählt, wobei alle ihren ganz eigenen Spannungsbogen aufweisen. Die Erinnerungen an ihre Vergangenheit ermöglichen es Nora schließlich Schritt für Schritt, ihre Stärken zu erkennen und daraus einen Plan für ihre Flucht zu schmieden. Tess Sharpe gelingt es, die Rückblenden geschickt in den Handlungsstrang des Banküberfalls einzuweben, und diese trotz (oder gerade wegen) ihrer nicht-chronologischen Reihenfolge zu einer ganz eigenen, sich immer weiter zuspitzenden Geschichte zusammenzuführen. Während die Struktur manch anderer Romane unter zu vielen Exkursen in die Vergangenheit leidet, ist es in The Girls I’ve Been das, was das Werk besonders macht – und das nicht nur inhaltlich, sondern auch in ästhetischer Hinsicht: Alle Episoden, die sich der Kindheit der bisexuellen Protagonistin widmen, sind auf grau hinterlegte Seiten gedruckt worden, wodurch das Werk einen weiß-grauen Buchschnitt aufweist.

Spannung mit Tiefgang

In ihren Rollen als Rebecca, Samantha, Haley, Katie und Ashley hat die starke und zugleich schwer durchschaubare Hauptfigur ihrer Mutter bei zahlreichen Betrugsfällen geholfen und wurde dabei schon früh mit traumatisierenden Ereignissen konfrontiert, die sie auch Jahre später noch prägen und vor allem belasten. Von der Unsicherheit über ihre eigene Identität, die zwischen Perücken sowie Namens- und Verhaltensänderungen zu verschwinden drohte, bis hin zu diversen Formen von Gewalt und Missbrauch in ihrem Umfeld werden im Laufe des Romans zahlreiche ernste Themen angesprochen. Positiv hervorzuheben ist hierbei, dass die Traumata nicht nur dazu dienen, den Plot voranzutreiben, sondern auch von den Figuren als solche wahr- und ernstgenommen werden. Als Teil von Noras Charakterentwicklung wird beispielsweise mehrfach auf Therapiesitzungen eingegangen, die ihr im Laufe des vergangenen Handlungsstrangs helfen, das Geschehene zu verarbeiten. Der Roman widmet sich also nicht nur Überfall, Geiselnahme und Fluchtfahrzeugen, sondern spricht respektvoll über Themen wie sexuelle Orientierung und psychische Krankheiten, behandelt aber auch das Ausmaß physische Belastungen wie Endometriose.

Wer eine Geschichte sucht, die eine temporeiche Handlung und eine geschickte Verflechtung mehrerer Erzählstränge aufweist, wird bei The Girls I’ve Been definitiv fündig. Durch die Ergänzung der Handlung um die Thematisierung gesellschaftlich relevanter Themen abseits von klassischen Spannungselementen kann der Roman zudem solche Leser*innen überzeugen, die vielleicht noch nicht allzu oft zu einem Thriller gegriffen haben – so wie es bei mir der Fall war.

von Alicia Fuchs

Tess Sharpe
The Girls I’ve Been
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Carlsen 2021
384 Seiten
16 Euro

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