Eva Menasse – Dunkelblum
Eva Menasse – Dunkelblum

Eva Menasse – Dunkelblum

Nichts bleibt unentdeckt

Gut vierzig Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs blickt Eva Menasse auf ein fiktives Dorf namens Dunkelblum. Und zwar so gnadenlos und detailreich, dass kein Geheimnis mehr verborgen bleiben kann. Jeder Schlupfwinkel, jede Verstrickung des Orts und seiner Bewohner*innen wird schrittweise aufgedeckt – im metaphorischen wie auch im wortwörtlichen Sinne, denn im Dorf befindet sich eine Gruppe junger Studierender, die den jüdischen Friedhof freilegen und restaurieren.

„Die Waage riss also den rechten Arm noch einmal hoch […]“

Diese Gräber scheinen einige Bewohner*innen zu verunsichern: ihre Sanierung und der Enthusiasmus der jungen Studierenden dabei bedrohen das bisherige Verdrängen und Schweigen der Gemeinschaft. Deshalb werden sie nachts beschmiert und entstellt. Und dann ist da noch ein vermeintlich Fremder zu Besuch, der im Ort herumschnüffelt. 

Dunkelblum ist ein Grenzdorf durch und durch. Zum einen zeitlich angesiedelt an der Grenze zwischen NS-Vergangenheit und Gegenwart und zum anderen, lokal an der Grenze zu Ungarn, aber auch an der Grenze der Generationen und der Grenze zwischen Hierarchien. Das Dorf beherbergte schon eine edle Grafschaft, ein Arbeitslager für ungarische Jüd*innen zusammen mit der SS, in der Zwischenzeit auch sowjetische Soldat*innen – und nun geht es zurück zur vermeintlichen burgenländischen Idylle.   

Menasse bezieht sich in ihrem Roman auf ein real existierendes Dorf namens Rechnitz, in dem 1945 während eines Festes der damaligen Gräfin circa 200 jüdische Gefangene aus dem Arbeitslager in einem Massaker ermordet wurden. Die Autorin verfolgt durch diesen offenkundigen Bezug natürlich auch ein moralisches und didaktisches Ziel mit ihrem Roman, bettet dieses allerdings nicht zu offensichtlich, aber doch sichtbar genug, in die kleinteiligen Beziehungen innerhalb des Ortes ein. Nicht umsonst heißt er Dunkelblum. Die Notwendigkeit, dass hier etwas ans metaphorische Tageslicht gebracht werden muss, fällt also schon durch den Titel ins Auge und ist Teil einer der wohl wichtigsten Botschaften, die im Roman mitschwingen: Wir brauchen Erinnerungskultur. Wir müssen auch grausame Taten offenlegen, wenn wir als Gesellschaft (zusammen-)wachsen wollen. 

Ein bisschen Detektiv*in sein

Eine gewisse Aufmerksamkeit erfordert die Lektüre allerdings (am besten man legt sich Block und Bleistift für Notizen bereit), da die Informationen über die Einwohner*innen über die Länge des Buches gestreut werden – durch Fremdzuschreibungen, durch eigene Gedanken oder durch Rückblicke auf die vorherige Generation. 528 Seiten Text können auf den ersten Blick abschreckend wirken, lohnen sich aber dennoch. Menasses Beschreibungen und ihr Netz aus Figuren, das sich stetig mit mehr Informationen füllt, leitet eine Spurensuche ein. Angefixt durch die Frage „Was ist denn in diesem Dorf passiert?“, will die oder der Lesende immer mehr wissen und wird im Endeffekt auch in jedem Haus auf andere Art und Weise fündig. Seien es nun unglückliche Ehen, vergessene Liebschaften, Suchtprobleme, wirtschaftliche Krisen, Alt-Nazis, Schuld, Gewalt und Mord – nichts bleibt unentdeckt. 

Setzen wir der Menschheitsgeschichte ein Vergrößerungsglas auf, dann kommen wir wohl in Dunkelblum raus und werden mal wieder daran erinnert, dass wir die Gegenwart nur bewältigen, wenn wir die Vergangenheit nicht ruhen lassen.

von Theresa Werheid

Eva Menasse
Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch 2021
528 Seiten
25 Euro

 

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