Anthony Doerr – Wolkenkuckucksland
Anthony Doerr – Wolkenkuckucksland

Anthony Doerr – Wolkenkuckucksland

„Warum hier bleiben, wenn ich dort sein könnte?“

CW: Ableismus, Flucht, Queerfeindlichkeit, Krieg, Panikattacken, Suizidversuch, Tod, Xenophobie

Hoch in den Lüften liegt die paradiesische Stadt „Wolkenkuckucksland“ – davon ist der Hirte Aethon laut einer fiktiven Schrift von Antonios Diogenes fest überzeugt. Dieser Mythos ist das Herzstück und Bindeglied von Anthony Doerrs gleichnamigem Roman, der mehrere Jahrhunderte umspannt und die Schicksale junger Außenseiter*innen auf der Suche nach einer besseren Welt miteinander verwebt. Genauso wie Aethon sich dem Spott seiner Mitmenschen zum Trotz auf eine scheinbar aussichtslose Reise zum Firmament begeben möchte und dabei tierische Metamorphosen durchlebt, suchen auch die jungen Protagonist*innen in ausweglosen Situationen nach einem Halt in der Mythologie und dem Leben:.

Die Stadtbibliothek in Lakeport, Idaho am 20. Februar 2020. Der alte Zeno probt mit seiner Kindertheatergruppe das Stück „Wolkenkuckucksland“, während der hochsensible 17-jährige Seymour einen Anschlag auf das Gebäude vorbereitet. In seiner Kindheit hat die Bibliothekarin Marianne die Leidenschaft des Jugendlichen für Ornithologie und Natur entfacht. Doch seine fragile Kinderseele konnte von einschneidenden Erlebnissen nicht heilen und der Jugendliche ist im Begriff, einen Rucksack mit Sprengsätzen zwischen den Bücherregalen zu verstecken.

In den Rhopen Bulgariens. Omeir erblickt in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts das Licht der Welt. Die abergläubische Dorfgemeinschaft sieht in dem Neugeborenen mit der Hasenscharte einen Dämonen und vertreibt die Familie, die sich gezwungenermaßen eine neue Existenz aufbaut. Der Junge wächst zum begnadeten Hirten heran und zieht hingebungsvoll zwei Zwillingskälber zu starken Ochsen groß. Doch eines Tages steht die sarazenische Armee vor der Tür und Omeir muss als Treiber seiner beiden Tiere zur Belagerung Konstantinopels aufbrechen. In der Stadt selbst leben und arbeiten die Waisenschwestern Maria und Anna in einer Kunststickerei. Im Gegensatz zu ihrer talentierten großen Schwester kann Anna dem Handwerk nichts abgewinnen und träumt sich hinaus in eine Welt jenseits ihrer Lebensrealität. Ihre Tagträume werden befeuert von ihrer Faszination für ein mysteriöses Gemälde auf der Stadtmauer mit dem Motiv einer Wolkenstadt. Doch als Anna dem Rätsel näherkommt und das Lesen lernt, bringt sie ihre Schwester Maria in Lebensgefahr und setzt alles daran, sie zu retten.

Die Argos. In der Zukunft erlebt Konstance die beklemmende Enge ihres Raumschiffs, das sie seit ihrer Geburt an Bord nicht verlassen hat. Das Mädchen sehnt sich nach einem Missionsende und zehrt seit ihrer Kindheit von der Hoffnung, die Atmosphäre des erdähnlichen Exoplaneten Beta Oph2 zu betreten. Wenn Konstance nicht einschlafen kann, lauscht sie den Geschichten ihres Vater über das Wolkenkuckucksland und träumt sich in fremde Welten. Tagsüber durchwandert sie am liebsten in einem virtuellen Atlas der riesigen digitalen Bibliothek des Raumschiffs ferne Länder der Erde. Schließlich halten fatale Umstände Konstance mutterseelenallein in einem Gewölbe der Argos mit der künstlichen Intelligenz Sybil gefangen. Der Mythos ist alles, was dem Kind bleibt, während sie nach einem Ausweg aus ihrem tragischen Schicksal sucht.

Beflügelnde Zeilen

Anthony Doerrs Wolkenkuckucksland ist ein atemberaubendes Buch, ja eine Ode an die Kraft von Erzählungen und die Magie von Bibliotheken. Im Roman verschmelzen verschiedenste Genres zu einer unglaublich spannenden Mischung aus historischem Roman, Science-Fiction-Abenteuer und Thriller. Der Autor stellt dem Beginn jeden Kapitels eine Tafel mit einem Fragment aus „Wolkenkuckucksland“ voran und scheint so mehrere Bücher ineinander zu verweben. Die Prosa des Autors ist fein, emotional und weltenschöpferisch. Genau dieser Schreibstil lässt die groß angelegte Geschichte auch im Kleinen wirken, Doerrs Kosmos scheint hier für das Einzelschicksal zu sprechen.
Der Roman oszilliert zwischen den komplexen Erzählsträngen auf eine derart geschickte Weise, dass die Spannung durchwegs anhält und die Lesenden den verschiedenen Schicksalen problemlos folgen können. Dabei nimmt der Autor sich Zeit, die Lebensgeschichten der einzelnen Protagonist*innen von jüngster Kindheit an nachzuzeichnen. Dieser erzählerischen Raffinesse ist die Komplexität und Lebendigkeit der Charaktere verschuldet. Trotz der Epochenunterschiede sind die Protagonist*innen durch die Erzählfäden des antiken Mythos verbunden. Der Wunsch nach Weltflucht und ein Gefühl der Entfremdung verbindet die doch so unterschiedlichen Kinder, deren Schwierigkeiten und Träume auf das Unverständnis ihrer Umwelt trifft. Der letzte echte Zufluchtsort bleibt stets die uralte Geschichte, die in den finstersten Momenten ob einer bodenlosen Realität die Fantasie am Leben hält.

Anthony Doerrs Roman Wolkenkuckucksland ist genauso herzzerreißend schön wie zeitlos und beflügelt beim Lesen die Seele – etwas Großartigeres kann ein Buch kaum bewirken.

von Elisa-Maria Kuhn

Anthony Doerr
Wolkenkuckucksland
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
C. H. Beck 2021
532 Seiten
25,00 Euro

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert