Eva Reisinger – Männer töten
Eva Reisinger – Männer töten

Eva Reisinger – Männer töten

„Meine Mutter sagte, wenn ein Mann die Hand erhebe, müsse man zurückschlagen oder das Weite suchen. Ich duckte mich und ertrug die Schläge.“

CW: In diesem Buch sterben Männer. Es finden Beschreibungen von patriarchaler, sexueller und psychischer Gewalt statt.

„Wir alle stellen es uns manchmal vor.

[…]

Wie es sich anfühlen würde

Was er schreien würde

Ob er betteln würde

Ob er weinen würde

Ob er sich schämen würde

Schämen, wie du es getan hast

Ob er sich wehren würde

Wehren, wie du es nicht getan hast

Ob er sich entschuldigen würde

Entschuldigen, wie er es nicht getan hat

[…]

Wie es sich anfühlen würde das Leben, ohne Angst

Am Ende würdest du dich nicht fragen, ob Rache glücklich macht“

Eva Reisinger erzählt in ihrem Romandebüt Männer töten von weiblicher Selbstjustiz und einem matriarchalen Gedankenexperiment. Dadurch schafft die Autorin Aufmerksamkeit für Gewalt an Frauen und Femizide.

Anna Maria will aus Berlin flüchten und folgt deshalb einem Flirt aus einer Clubnacht, Hannes, in sein Heimatdorf, das fiktive Engelhartskirchen. Sie erkennt nach und nach, dass in dieser oberösterreichischen Provinz das Matriarchat herrscht. Die Frauen nehmen die sozial übergeordnete Rolle ein, die sonst Männer vorbehalten ist. Männer – davon gibt es hier sowieso auffallend wenig. In Hannes und Engelhartskirchen findet sie zuerst Ruhe und Sicherheit. Als dann jedoch ihre zwei engsten Freundinnen und ihr Exfreund zu ihr kommen, werden alle mit offenen Konflikten konfrontiert, die Situation verschärft sich und es kommt zur Eskalation. 

Reisinger arbeitet so inhärente Machtstrukturen des Patriarchats heraus und stellt Gewalt gegen Frauen und speziell Femizide in den Fokus. Der Roman zeichnet sich dadurch aus, dass auch auf Kompliz*innenschaft Bezug genommen wird, denn „auch Vergewaltiger haben Freundinnen“.

Die Polizei rät Frauen selbstbewusster zu sein, dann würden sie nicht vergewaltigt. Was nach Satire klingt, ist in Österreich viel zu oft Realität.“

Reisingers Jagdsymbolik zieht sich durch den Roman, sowie treffende Szenen der Umkehrung des Patriarchats zum Matriarchat. Allerdings stellt die Autorin selbst in einem Interview mit dem Standard klar, dass in Engelhartkirchen die Frauen keine sexuelle Gewalt anwenden und keine Besitzansprüche erheben. Sie wenden Gewalt nur an, wenn die Männer des Dorfes ihre Freiheit und die Gleichstellung bedrohen. Moralische Diskussionen haben hier keinen Platz – das eigene Überleben wird gesichert, indem Bedrohungen ausgeschalten werden. 

Der Ansatz des Buches sowie die damit verbundene inhaltliche Thematisierung von Femiziden sind vielversprechend. Jedoch erschweren der herausfordernde Erzählstil, die teils flachen Charaktere (was aber auch ein bewusstes Stilmittel sein könnte) sowie das schnell verhandelte Ende des Romans, dass das Leseerlebnis diesem Ansatz gerecht wird.

Der Titel, der so perfekt die zweideutige Essenz des Romans einfängt, provoziert und zieht Aufmerksamkeit auf sich. Dazu noch die ästhetische Covergestaltung des Leykamverlags sorgt hoffentlich dafür, dass ein breites Publikum dieses Buch in die Hand nimmt und liest.

Obgleich Männer töten in der Umsetzung und in der potenziellen Schlussfolgerung, dass es ein Matriarchat nur geben kann, wenn Männer gewaltsam unterdrückt werden, nicht vollkommen überzeugt, ist es dennoch eine bereichernde und interessante Auseinandersetzung mit dem Thema Femizide, welches mehr Aufmerksamkeit erfordert

von Michaela Minder

Eva Reisinger
Männer töten
Leykam 2023
288 Seiten
24,50 Euro

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