Fien Veldman – Xerox
Fien Veldman – Xerox

Fien Veldman – Xerox

„Funktionsbewertung“

Die Ich-Erzählerin in Veldmans Debütroman Xerox ist einsam. Ihre Einsamkeit speist sich aus dem kleinen Zimmer, in dem sie jeden Tag allein mit ihrem Drucker arbeitet, aus den oberflächlichen Gesprächen ihrer Kolleginnen, zu denen sie nichts beizutragen hat und aus ihrem Heimatort, dem sie entfliehen konnte – und doch ist sie nirgends angekommen. Wir erfahren wenig über das Start-Up, für das die junge Frau arbeitet. Alles scheint austauschbar, alles bleibt vage. Jede Figur wird mit ihrer Funktionsbezeichnung benannt: Marketing, Sales, Chef, beste Freundin. Doch die Protagonistin ist namenlos, denn sie steht für Vieles: Sinnlosigkeit in der modernen Arbeitswelt, Klassismus, Entfremdung, Perspektivlosigkeit. 

Über viele Seiten hinweg besteht ihre Hauptaufgabe darin, ein Paket zu finden, das einige Kilometer entfernt in irgendeinem Haus abgegeben wurde. Es gibt keinen Hinweis auf den Wert oder den Inhalt des Pakets. Die Wichtigkeit liegt allein in der Aufgabe selbst. Immer wieder hat die Ich-Erzählerin Angst davor, zusammenzubrechen, denn sie hat eine Autoimmunerkrankung. Sie ist allergisch gegen Stress. „‚Das ist eine Epidemie‘, sagte der Allergologe zu mir. ‚Vor allem bei jungen Frauen um die fünfundzwanzig, dreißig. Die machen achtzig Prozent meiner Patienten aus.‘“ Doch wie kann es gelingen, Stress zu vermeiden, in dieser vermüllten Stadt, in dieser Arbeitsumgebung, in diesem Leben? 

„Er passt sich meiner Stimmung an, er fühlt mit mir“

Die einzig wirkliche Verbindung baut die Hauptfigur zu ihrem Drucker auf. Der Drucker fühlt mit ihr: Ist sie gestresst, kann er nicht richtig arbeiten; zeigt er einen Papierstau an, dann geht es auch ihr nicht gut. Sie erzählt ihm Geschichten, die teilweise zusammenhangslos erscheinen; ein Bewusstseinsstrom aus beklemmenden Erinnerungen und rätselhaften Gedanken. Zwischen den beiden entfaltet sich eine tiefe Beziehung. Dass die junge Frau auch dem Drucker am Herzen bzw. an der Mechanik liegt, erzählt er in einem Teil des Buches selbst und wirkt dabei nur allzu menschlich. In diesem Roman verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Menschlichkeit und Maschinerie: „Das Büro könnte genauso gut eine Maschine oder ein Gerät sein und das Personal ein ersetzbares Einzelteil. Menschen überschätzen sich und ihre Bedeutung, doch für die Psyche der Arbeitskräfte ist das auch notwendig“. 

Fien Veldman hat ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Debüt geschrieben. Xerox zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie krank Sinnlosigkeit machen kann, und wie tief die Einsamkeit sitzt, in einer Welt, in der man technischen Geräten und Künstlicher Intelligenz mehr vertraut als den eigenen Mitmenschen. Die niederländische Autorin verwendet eine klare, mitunter maschinelle Sprache, die immer wieder durch treffende (Natur-)Bilder durchbrochen wird. Nach langen Dialogen oder actionreichen Szenen sucht man in diesem Roman vergebens. Er regt vielmehr zum Nachdenken an; Veldmans Worte bleiben – zumindest an der Oberfläche – stets leise und trotz technischer Details ein bisschen mystisch. 

                                                                                                          von Hannah Conrady

 

Fien Veldman
Xerox 
Aus dem Niederländischen von Christina Brunnenkamp 
Hanser 2024
224 Seiten
23,00 Euro

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