Die zerstörerische Logik eines Gerüchts
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CW: Alkoholkonsum, Pädophilie
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Peter Huths Der Honigmann spielt in Fischbach – einer idyllischen Kleinstadt, in der Fine, ihr Mann Timm und Tochter Clara ein ruhiges Familienleben führen. Gleich nebenan wohnen Katja und Robert mit ihren beiden Söhnen und auch die befreundete Louisa und Albert gehören zum engen Freundeskreis. Die Sommerabende verbringen sie gemeinsam am Grill, die Kinder spielen sorglos am Bach. Alles wirkt harmonisch – bis ein Brief auftaucht, der alles verändert.
Darin steht, dass sich in Fischbach ein verurteilter Straftäter aufhalten würde: Dietmar Köhler, von den Bewohnern nur „der Honigmann“ genannt. Ein unauffälliger Ladenbesitzer mit einem Geschäft nahe der Schule, in dem er Honig und kleine Waren verkauft, ist er zu einem festen Treffpunkt für Mütter und ihre Kinder geworden. Doch nun steht er im Verdacht, pädophile Straftaten begangen zu haben. Das ruhige Gefüge Fischbachs gerät ins Wanken.
Während die Eltern um ihre Kinder fürchten, kommen auch innere Konflikte ans Licht: Robert, der von seiner Frau aus dem Magazin entlassen wurde, und nun seinen Alltag im Alkohol ertränkt. Fine, die nach einer erfolgreichen TV-Karriere Abstand vom Rampenlicht sucht, versucht sich erfolglos am Theater. Louisa hofft, durch ihre Ausstellung Anerkennung zu gewinnen. All diese persönlichen Probleme verblassen jedoch angesichts der Nachricht über den Honigmann. Besonders Katja sorgt sich: Ihr Sohn Justus zieht sich immer mehr zurück – doch niemand spricht mit dem Mann, der im Zentrum der Vorwürfe steht.
Der Roman als Gesellschaftsspiegel
Peter Huths Roman zeigt eindrücklich, wie ein Gerücht in einer Gemeinschaft eskaliert. Die anfängliche Skepsis der Bewohner*innen schlägt in kollektive Hysterie um, gespeist von Ängsten, Vermutungen und moralischer Empörung. Eine WhatsApp-Gruppe befeuert die Gerüchte, Vermutungen verdichten sich zu Anschuldigungen, und bald ist die ganze Stadt im Ausnahmezustand.
Zwar begegnet man zu Beginn einer Vielzahl von Figuren, doch schon nach kurzer Zeit findet man sich in ihrem Geflecht zurecht. Immer wieder öffnen Kapitel mit der persönlichen Stimme einzelner Charaktere, bevor die Erzählung zurücktritt und zwischen den Perspektiven wechselt. Die auktoriale Erzählweise führt dabei souverän durch die Handlung: Sie schafft Distanz und erlaubt zugleich Nähe, sodass man mitfühlt, statt nur zu beobachten. Der Honigmann selbst spricht lediglich im Prolog und Epilog – und doch liegt seine Präsenz über dem gesamten Roman.
Die Erzählung schlägt einen literarischen Bogen: Der Honigmann liest Miguel de Cervantes‘ Don Quixote. So wie Don Quijano sich in seiner Welt voller Ritterträume hineinsteigert und schließlich an der Realität zerbricht, so zeigt Der Honigmann die Diskrepanz zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen Ideal und Angst. Der Roman lebt von diesem Kontrast – von der Tragikomik, die entsteht, wenn edle Absichten oder moralische Panik an der harten Realität zerschellen.
Ein Blick in die Abgründe
Huths Werk ist mehr als ein Thriller über einen mutmaßlichen Täter. Es ist ein Roman über gesellschaftliche Dynamiken, über die zerstörerische Kraft von Gerüchten und über die Frage, wie Gemeinschaften mit Angst und Misstrauen umgehen. Die Lektüre ist beklemmend, weil die Reaktionen der Figuren nachvollziehbar sind – man fragt sich unweigerlich, wie man selbst handeln würde. Man befindet sich ständig zwischen Zustimmung und Ablehnung.
Ein Satz aus dem Roman bringt die Essenz auf den Punkt: „In was für einer Scheißwelt leben wir eigentlich, dass wir uns tagelang über ein einzelnes verschwundenes Kind, einen von einer Höhle verschluckten Forscher oder einen Sportler sorgen, dessen Achillessehne gerissen ist? Einzelfälle, ja, die sind tagelang Schlagzeilen, schlimm genug, klar, aber warum können wir nur diese einfachen Dinge fassen, aber nicht den Horror, der über Jahre geht?“
Der Honigmann ist ein Roman, der nicht nur einen Täter beleuchtet, sondern die Abgründe einer Gesellschaft offenlegt, die in Angst, Misstrauen und Projektionen gefangen ist.
von Theresa Mader

Peter Huth
Der Honigmann
Droemer HC
256 Seiten
22,00 Euro
ISBN 978-3-426-44982-0