Leon Engler – Botanik des Wahnsinns
Leon Engler – Botanik des Wahnsinns

Leon Engler – Botanik des Wahnsinns

Wo der Wahnsinn seine Wurzeln hat

CW: Alkoholmissbrauch, (manische) Depressionen, Kindesmissbrauch, Schizophrenie

In Leon Englers Debütroman Botanik des Wahnsinns begleitet man den Protagonisten auf seiner Flucht. Seiner Flucht vor den psychischen Krankheiten, die seit jeher in seiner Familie existieren. Die Mutter: suchtkrank und depressiv. Der Vater: depressiv. Die Großmutter: bipolar. Der Großvater: irgendwie alles zusammen und auch noch schizophren. Und er? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis es ihn durch seinen Stammbaum hindurch auch trifft. Also flieht er nach New York, nach Paris und Wien („angeblich die Stadt mit der höchsten Lebensqualität“), sucht nach einem normalen Job, beginnt ein Studium der Theaterwissenschaften. In Wien trifft er dann auf „den Nachbarn“. Durch diesen gelangt er an Literatur von Schriftsteller*innen, die sich mit psychischen Erkrankungen beschäftigt haben oder selbst welche hatten, er denkt darüber nach, was denn eigentlich „normal“ sei, und an die Idee für ein Psychologiestudium. Und schließlich landet er in der Psychiatrie, die Frage ist nur, ob als Psychologe?

„Lieber verrückt als einer von euch“

Englers Schreibstil ist faszinierend. Mit assoziativen Gedankenketten beschreibt er aus der Sicht des Protagonisten dessen Leben, das seiner Familie und die Zeit, die dieser in seinem Kopf verbringt. Dem Autor gelingt es dabei, seine Geschichte eindringlich mit Worten zu illustrieren, wobei er seine Formulierungen nie zu kompliziert wählt. Durchzogen sind die Gedankenketten mit Randinformationen zur Psychiatrie allgemein, zu ihrer Geschichte, dazu, dass der Begründer der modernen Psychiatrie Hobby-Botaniker war, und zu verschiedensten psychiatrischen Anstalten, sowie mit Zitaten und Hintergründen von Autor*innen zu psychischen Krankheiten. Dabei wird jedoch nichts durch die Blume erzählt und romantisiert, die bildhaften Gedanken tragen eine Art negative Ästhetik, keine Schönheit.

Insgesamt kann eine große Empfehlung für den fesselnden, bildhaften und sprachlich äußerst geschickten Schreibstil ausgesprochen werden, der ein Bild vom Tabu der psychischen Krankheiten ungeschönt malt.

von Hannah Orth

Leon Engler
Botanik des Wahnsinns
DuMont Buchverlag 2025
208 Seiten
23,00 Euro
ISBN 978-3-7558-0053-8

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