Zwischen Politik und Leidenschaft
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In Abgrund versetzt Robert Harris die Leser*innen ins England des Jahres 1914, eine Zeit, in der die politischen Spannungen kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihren Höhepunkt erreichen. Zwischen diplomatischen Krisen, der drohenden Auseinandersetzung mit Irland und wachsender Unsicherheit versucht der Premierminister, die Kontrolle zu behalten. Halt findet er nur in seiner Geliebten: Venetia Stanley.
Venetia, die Tochter einer angesehenen Familie, führt zunächst ein unbeschwertes Leben voller Verehrer und gesellschaftlicher Verpflichtungen. Doch ihre geheime Affäre mit dem Premierminister zieht sie immer tiefer in die politischen Intrigen Londons hinein. Über Briefe, vertrauliche Gespräche und heimliche Treffen gewährt er ihr Einblick in streng geheime diplomatische Dokumente – ein gefährliches Spiel, das bald außer Kontrolle gerät.
Während Inspektor Deemer von Scotland Yard nach einem mysteriösen Unfall, der sich auf der Themse ereignet, ermittelt, stößt er auf Hinweise, die Venetia mit dem Premierminister in Verbindung bringen. Als schließlich ein geheimes Telegramm auf rätselhafte Weise an die Öffentlichkeit gerät, wird er in den Geheimdienst befördert, um diesen Sachverhalt weiter zu untersuchen. Deemer gerät zunehmend in einen moralischen Konflikt zwischen Loyalität, Pflicht und Menschlichkeit.
„Inmitten der tosenden Stürme und zerrenden Strömungen blieb sein einziger Fixpunkt und Leitstern Venetia“
Harris schildert eindringlich, wie Venetias anfängliche Bewunderung für den mächtigen Politiker in Erschöpfung und schließlich in Selbstbehauptung umschlägt. Anfangs fasziniert sie die Nähe zur Macht, doch bald erkennt sie die zerstörerische Dynamik dieser Beziehung – nicht nur politisch, sondern auch emotional. Sie beginnt, sich aus der Abhängigkeit zu lösen, lässt sich zur Krankenschwester ausbilden und versucht, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen – sehr zum Missfallen ihres Geliebten, der mit allen Mitteln versucht, sie bei sich zu behalten.
Als Venetia schließlich den Heiratsantrag von Edwin Montagu, einem engen Vertrauten des Premierministers, annimmt, tut sie dies nicht aus Liebe, sondern aus Pragmatismus: Sie wahrt damit ihren gesellschaftlichen Status und befreit sich zugleich aus der Abhängigkeit der Affäre. Die Reaktion des Premierministers: Er fühlt sich handlungsunfähig, muss aber erkennen, dass Venetia ihren eigenen Weg geht.
Wer behält die Kontrolle – die Politik oder das Gefühl?
Besonders überzeugend ist Harris‘ Balance zwischen Gefühl und Distanz: Abgrund ist nicht schnulzig, aber auch nicht zu sachlich geschrieben. Die Reaktionen der Figuren wirken authentisch, ihre Handlungen nachvollziehbar. Der Autor verzichtet auf künstliche Dramatisierung, was die Geschichte umso glaubwürdiger macht. Venetias Entwicklung hin zu einer unabhängigen Frau ist stimmig gezeichnet.
Allerdings braucht man etwas Geduld, um in die Erzählweise hineinzufinden. Harris wirft die Leser*innen direkt ins Geschehen, sodass der Beginn der Affäre zunächst unklar bleibt, auch wenn sich das im weiteren Verlauf klärt. Der zu Beginn groß erzählte Unfall auf der Themse wird später nicht mehr relevant. Die Spannung entfaltet sich vor allem dann, als Deemer in den Geheimdienst wechselt und beginnt, die Briefe mitzulesen und sich einzufühlen – fast wie im Film Das Leben der Anderen.
Harris gelingt es dennoch, politische und persönliche Dramen auf subtile Weise miteinander zu verweben. Abgrund ist weniger ein klassischer Politthriller als vielmehr ein kluger Gesellschaftsroman über Macht, Liebe und Verantwortung. Im Vergleich zu seinem Werk Konklave, das durch seine klare Dramaturgie und hohe Spannung besonders beeindruckt, wirkt Abgrund leiser und komplexer. Ein Roman, der Zeit und Aufmerksamkeit fordert, dafür aber mit Tiefe und bemerkenswerten Hauptfigur belohnt.
von Theresa Mader

Robert Harris
Abgrund
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne 2024
505 Seiten
25,00 Euro
ISBN 978-3-453-27372-6