Rebecca F. Kuang – Katabasis
Rebecca F. Kuang – Katabasis

Rebecca F. Kuang – Katabasis

Der Weg zum Doktortitel durch die Hölle

CW: Emotionaler Missbrauch, Essstörung, Misogynie,Sexismus, sexuelle Belästigung, Suizid, Tierquälerei und -tod

Wie weit bist du bereit für den Erfolg zu gehen? Für Alice Law und Peter Murdoch lässt sich diese Frage leicht beantworten: bis in die Hölle. Die beiden Doktorand*innen der Analytischen Magie halten es in dem neusten Roman aus der Feder der erfolgreichen Autorin Rebecca F. Kuang, Katabasis, „[…] aus moralischer Verpflichtung wie aus Eigeninteresse […] für nötig, König Yama den Gerechten, den Herrscher der Unterwelt, um die Wiederbelebung des Professors zu bitten“, der ihre Doktorarbeiten in Cambridge betreut. Denn nur von der Verbindung zum weltberühmten Magier Jacob Grimes erhoffen sie sich, auf der Karriereleiter aufsteigen zu können. Um seine Gunst für sich zu gewinnen, haben beide Tag und Nacht für ihn gearbeitet, ihn vor den häufigen und wahren Anschuldigungen des Machtmissbrauchs verteidigt und sind nun bereit, in die Unterwelt hinabzureisen. Sie fühlen sich nämlich jeweils verantwortlich für den magischen Unfall, durch den ihr Doktorvater gestorben ist. Obwohl sie Erzfeinde sind, müssen Alice und ihr Vergil Peter jetzt zusammenarbeiten, um seine Seele zu retten. So beginnt die Katabasis, „die Geschichte eines Helden, der in die Unterwelt hinabsteigt“.

Academia is hell

Die Hölle besteht aus acht Höfen: Stolz, Wollust, Gier, Zorn, Gewalt, Grausamkeit, Tyrannei und dem achten Hof. Sie zeigt sich so, wie sie sich zeigen möchte – im Falle von Alice und Peter ist sie – wie ihr gesamtes Leben – auf der akademischen Welt aufgebaut: » „Alter“, sagte Peter. „Die Hölle ist ein Campus.“«. Stolz ist beispielsweise eine Bibliothek, in der „die Schatten“ eine These zur Definition von dem Guten entwickeln und in einer mündlichen Prüfung verteidigen müssen, um weiterzukommen. Dieser erste Hof steht exemplarisch für die amüsante und zugleich zum Nachdenken anregende Kritik an dem Leben nur für die Wissenschaft, was die Essenz von Katabasis ist.

Diese Kritik äußert sich nicht nur in der Gestaltung der Hölle, sondern lebt von den in Rückblenden erzählten Problemen der akademischen Welt. Heraus sticht der Machtmissbrauch auf verschiedenen Ebenen, den Grimes zu verantworten hat. Vor allem Frauen macht er das Leben zur Hölle. Deshalb liest sich diese Geschichte, die größtenteils aus Alice‘ Perspektive berichtet wird, als ihr beschwerlicher, von Rückschlägen geprägter Weg von der Selbsttäuschung weg und hin zu einem Leben, das mehr bietet als Erfolg in Lehre und Forschung. Das ist umso interessanter, wenn man weiß, dass die Autorin selbst den Weg in die Wissenschaft eingeschlagen hat und zurzeit an der Yale-Universität an ihrer Promotion arbeitet.

To hell, with love

Was dagegen stark in den Hintergrund tritt, ist die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Alice und Peter. Anders als der Werbeslogan „To hell, with love“ suggeriert, handelt es sich nicht um eine Romantasy mit dem Trope enemies to lovers. Vielmehr skizziert Kuang in Bezug auf ihre Beziehung feinfühlig, was sich zwischen die beiden gedrängt hat. Von einem extremen Fall fehlender Kommunikation zwischen den Protagonist*innen wird aber durchaus Gebrauch gemacht, wie es dafür üblich ist.

Dark Academia akademisiert

Kuang hat sich stattdessen auf das Genre Dark Academia fokussiert und dieses auf eine ganz neue Ebene gehoben. Denn Katabasis handelt nicht nur von der akademischen Welt, sondern blüht selbst darin auf. Besonders sticht dabei hervor, wie die Autorin die Kulturgeschichte der Hölle aufgearbeitet und in ihre eigene Geschichte verpackt hat. Immer wieder lässt sie Alice die Berichte von Homer über Dante bis T. S. Elliot – natürlich ordentlich zitiert, wie es sich in der Wissenschaft gehört – anführen. Große Ideen und Theorien aus verschiedensten Bereichen werden mal eben nebenher verständlich abgehandelt, so auch die Spieltheorie.

Ein Fokus liegt auf Logikrätseln und linguistischen Tricks, die Alice und Peter, mit Kreide für Pentagramme bewaffnet, miteinander so verweben müssen, dass sie wahr erscheinen. Denn nur dann funktioniert das System der Analytischen Magie, das auch immer wieder in kurzen Abschnitten erklärt wird: „Magie, diese mysteriöseste wie kapriziöseste aller Disziplinen, bewundert für ihre Macht, verspottet für ihre Maßlosigkeit, besteht kurz gesagt darin, Lügen über die Welt zu erzählen.“

Keine Angst vor der Wissenswucht, die Kuang an ihre Leser*innen weitergibt: Man kann natürlich einzelne Begrifflichkeiten nachschlagen oder zur Vertiefung die zitierten Werke selbst lesen, aber diese Kenntnisse werden für die Lektüre von Katabasis nicht benötigt. Teilweise sind nicht mal die langen theoretischen Ausführungen selbst in dem Ausmaß sonderlich relevant, um der Handlung folgen zu können. Für viele Leser*innen könnte gerade das aber ein Problem darstellen, denn wenn diese Wissenseinheiten sie nicht an und für sich interessieren, besteht ein großer Anreiz, sie einfach zu überblättern. Besonders, weil sie häufig an den spannenden Stellen eingefügt werden und damit den Erzählstrang unterbrechen.

Merklich gefehlt haben hingegen Content Warnings. Denn durch Alice‘ Gedanken, Aussagen und Taten werden mal mehr, mal weniger ausführlich sehr sensible Themen aufgegriffen, die relevant sind für ihre Charakterdarstellung und insbesondere -entwicklung. Diese steht, im Gegensatz zur tatsächlichen Reise durch die Hölle, ganz klar im Fokus.

Wer also darauf hofft, dass die Suche nach Grimes sich als Abenteuer in der Hölle voller gefährlicher Aufgaben an jeder Ecke entpuppt, ist hier falsch. Wer dagegen Interesse daran hat, sich kritisch mit der Welt der Wissenschaft auseinanderzusetzen und gleichzeitig aus deren Erkenntnissen zu schöpfen, für den ist Katabasis eine höllisch gute Wahl.

von Alina Köhler

Rebecca F. Kuang
Katabasis
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Jordan, Heide Franck
Eichborn 2025
656 Seiten
28,00 Euro
ISBN 978-3-8479-0216-4

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