Gefühlskarussell
CW: Suizidgedanken
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Backstage in Seattle ist Band Eins der Backstage-Dilogie und spielt im titelgebenden Seattle, Washington. Dort rennen die Protagonisten Eliza und Finn buchstäblich ineinander hinein – die Anziehungskraft ist sofortig und explosiv. Dabei wollen sich beide gerade auf keine Beziehung einlassen; Eliza, weil sie nicht an die Liebe glaubt, und Finn, weil er genug andere Baustellen hat. Aus dem Weg gehen können sie sich dennoch nicht, da Finn durch seine Brüder automatisch Anschluss an Elizas Freundesgruppe hat und das gemeinsame Studienfach zwingt sie immer wieder zur Zusammenarbeit.
Von den zwei Protagonist*innen ist Finn der interessantere, gerade frisch aus LA angereist mit einer Menge mentaler Kämpfe im Gepäck und zwei Brüdern, die ihn freudestrahlend, wenn auch etwas übereifrig, in ihrer Mitte aufnehmen. Zusammen bilden die drei eine Coverband, die ziemlich Erfolg haben könnte, wenn Finn sich darauf einlassen würde, was er aber nur widerstrebend macht. Sonst zeigt sich Finn als der typische Bad Boy, doch seine Kapitel legen offen, dass er einige unaufgearbeitete Probleme hat, die ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl in der Umsetzung gebraucht hätten.
Eliza wirkt hingegen wie das nette Mädchen von nebenan, die nur an Finn kein gutes Haar finden kann, wenn sie nicht gerade von seinem Körperbau abgelenkt ist. Die sexuelle Spannung zwischen ihnen ist nicht zu leugnen, doch Eliza wehrt sich mit Händen und Füßen und viel mentaler Akrobatik dagegen. Sie selbst glaubt wegen der gescheiterten Ehe ihrer Eltern nicht an die Liebe und sieht nur Probleme in romantischen Verstrickungen.
„Die Dunkelheit machte ihn noch begehrenswerter, weil sie seine Perfektion in etwas Traumähnliches, Unerreichbares umwandelte.“
Dem Buch ist deutlich anzumerken, in welcher Phase des Internets es geschrieben wurde, auf Wattpad würde es zu den besseren Geschichten zählen. Jedoch ist es zu ausschweifend, viele Szenen tragen wenig zur Handlung oder der Figurendynamik bei, was bei knapp 600 Seiten deutlich auffällt. Die Figuren widersprechen sich oftmals und können ihren Meinungswechsel nicht gut genug den Lesenden nahebringen. Die Wortgefechte zwischen Finn und Eliza drehen sich oft im Kreis, beide können nicht voneinander lassen, aber verletzten sich lieber verbal, als sich ihre Gefühle einzugestehen. Die Dialoge wirken teilweise hölzern, manchmal ist ein Sprichwort verdreht und allgemein ist die Textqualität in Ordnung, aber nicht herausragend. Das Buch scheint eher beliebte Tropes ausschöpfen zu wollen, als Handlungen entsprechend der Charaktereigenschaften aufzubauen. Allgemein basiert das Buch viele Elemente seiner Handlung auf beliebten Tropes wie Hate-to-Love, Forced Proximity etc., ohne einen glaubhaften Grund dafür liefern zu können. Es entsteht zwar ein guter Lesesog, aber zu sehr hinterfragen, was auf der Seite passiert, darf man dabei nicht. Das Buch endet mit einem Cliffhanger, Elizas und Finns Geschichte geht in Onstage in London weiter.
Man merkt Backstage in Seattle deutlich an, dass es ein Produkt seiner Zeit ist, geprägt von der ersten Welle New Adult und Rockstar Romance in Deutschland. Ein Abstecher in die Nostalgie der späten 2010er Jahre, aber ohne die Qualität und Feinfühligkeit, die das Genre heute auszeichnen.
von Friederike Brückmann

Mina Mart
Backstage in Seattle (Backstage-Reihe Band 1)
MIRA Taschenbuch 2021
576 Seiten
12,99 Euro
ISBN 9783745701050