Andrei Tarkowski – Stalker
Andrei Tarkowski – Stalker

Andrei Tarkowski – Stalker

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Ulysses von James Joyce für die Literatur, Bohemian Rhapsody von Queen für die Musik oder Fountain von Marcel Duchamp für die Kunst – Werke, die die bestehenden Konventionen gesprengt und das eigene Medium völlig neu gedacht haben. Sie waren sozusagen wegweisend für die moderne kulturelle Kreativität. Im Jahr 1979 schuf der sowjetische Regisseur Andrei Tarkowski das filmische Pendant: Stalker. Das ODEON Bamberg zeigte dieses Werk einmalig am 28.01.2026 im Zuge der Reihe „BEGEGNUNG MIT DEM FREMDEN“. Ein Werk, das vermeintlich nichts und gleichzeitig alles zeigen möchte.

„Das ist die Zone. […] Sie ist so wie unser Zustand sie werden lässt.“

In einer unbekannten Stadt liegt die „Zone“. So wird der Ort bezeichnet, der vor langer Zeit Opfer eines mysteriösen Meteoriteneinschlags geworden ist. Seitdem wird sie von der Regierung bewacht; das Betreten ist strengstens verboten. Es heißt, die Zone würde die tiefsten Wünsche der Menschen erfüllen, die sie betreten. Doch niemand, der je hineingegangen ist, kehrte wieder zurück. Einzig die Hauptfigur „Stalker“ (Aleksandr Kaydanovskiy) weiß, wie man mit der Zone umgehen muss und sich in ihr verhält. Denn die Zone reagiert und interagiert mit den Menschen, die sie betreten. Die Physik wird ausgehebelt, Zeit und Distanzen neu definiert und das eigene „Ich“ herausgefordert. Die Arbeit des Stalkers ist es, Personen in die Zone zu führen, um deren innersten Wünsche wahr werden zu lassen. So auch die der beiden anderen Protagonisten: des “Schriftstellers” (Anatoliy Solonitsyn) und des “Professors” (Mykola Hrynko).

Stalker skizziert den anspruchsvollen und herausfordernden Weg der Protagonisten durch die Zone bis hin zum erhofften Ziel, sozusagen dem „Raum der Wünsche“.  Während ihrer Reise werden die Männer immer wieder mit existenziellen Fragen konfrontiert: Was ist Glück? Was bedeutet Sehnsucht? Was kann der Mensch wirklich wollen? Die Zone selbst wirkt wie ein Spiegel ihrer inneren Zustände, die physische Realität verschwimmt mit philosophischen und psychologischen Ebenen. Es ist nicht nur eine körperliche, sondern vor allem eine psychische Reise, die die Grundpfeiler des menschlichen Verstandes thematisiert. Frei nach der Theorie des dreieinigen Gehirns, kann die Führungspersönlichkeit des Stalkers als das Instinktive, die Emotionalität des Schriftstellers als das Affektive und die Logik des Professors als das Rationale im Menschen angesehen werden. Letztlich verschmelzen in Stalker die äußere und innere Umwelt zu einer fast dreistündigen Reise in das Fundament des menschlichen Seins.

„Das sind alles ungreifbare Dinge, man benennt sie und ihr Sinn verschwindet.“

Stalker ist von Tarkowskis unverwechselbarem atmosphärischem Stil geprägt. Der Film ist unfassbar ruhig, gefühlvoll und an manchen Stellen tatsächlich einfach langweilig. Langsame Kamerafahrten und feste Einstellungen wollen ein Gefühl der Immersion erzeugen. Das Publikum wird gezwungen, sich intensiv mit den Bildern und den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen. Was vielleicht als Versuch, die Zone real werden zu lassen, angesehen werden kann, produziert leider mehr Monotonie und ein Gefühl der Müdigkeit. Wenn sich Szenen fünf Minuten lang weder in ihrer Komposition noch in der Kameraeinstellung verändern, wirkt das nicht einnehmend, sondern einfach nur irritierend. Bei den Dialogen und Monologen verhält es sich leider ähnlich. Oftmals sind diese so umfangreich, ausschweifend und symbolbeladenen, dass dem Inhalt einfach nicht mehr gefolgt werden kann. Erschwerend hinzu kommt, dass die Figur des Stalkers immer wieder Sätze abbricht oder auf Fragen seiner Begleiter nicht eingeht. In den Gesprächen wird mit hochgestochenen philosophischen Begriffen und tiefgründigen Ideen um sich geworfen, sie schaffen es aber nicht den Kern zu treffen. Ähnlich einem Aufsatz, der Nebensatz an Nebensatz an Nebensatz reiht und so die eigentliche Aussage in Verschachtelungen versteckt. Es ist allerdings durchaus möglich, dass Tarkowski dies ganz bewusst so wählte, um die Gedankenwelt des Publikums weiter anzuregen.

Zwei positive handwerkliche Feingriffe sind dennoch anzusprechen. Stalker spielt sehr mit Farben. Ein gelber Filter dominiert außerhalb der Zone, während die Zone selbst in hellen und naturnahen Tönen gehalten ist, wodurch die räumliche und emotionale Trennung der beiden Welten visualisiert wird. Hier sind Parallelen zu Platons Höhlengleichnis zu erahnen, indem die Zone als Ort erscheint, an dem Realität, Wahrnehmung und Wahrheit immer wieder hinterfragt werden. Der zweite Aspekt sind die Musik und die Töne im Film. Der Sound ist intensiv und vielschichtig, von subtilen Naturgeräuschen bis zu abstrakten Geräuschen in der Zone, wodurch eine fast surreale Klangwelt entsteht, die im starken Gegensatz zu der ruhigen Bildgestaltung steht.

„Denn wer kann wissen, was der Mensch für Wünsche hat.“

Stalker ist durch Kontraste gekennzeichnet. Ein vermeintlich tiefgründiger Film, verpackt in ein viel zu enges Korsett der Langeweile. Aber vielleicht war genau das die Wirkung, die Tarkowski erzielen wollte. Verwirrung, Irritation und Ahnungslosigkeit: Wieso ist dieser Film so zäh? Was bedeuten diese unverständlichen Dialoge? Wozu die religiösen Anspielungen? Was ist die metaphorische Bedeutung der Zone? Stalker denkt das Medium Film neu, indem er dem Publikum mehr Fragen stellt als Antworten liefert. Zwingendermaßen wird man sich nach dem Ende des Films den eigenen Gedanken und Interpretationen stellen müssen. Er könnte eine Metapher für den Weg zum Glauben darstellen. Oder für die Suche nach dem Sinn des Lebens. Oder als Symbol für die Grenzen und Kontrollen der Sowjetunion stehen. Oder doch die Ablehnung eines göttlichen Wesens? Vielleicht handelt es sich ja auch um eine Studie der innersten Sehnsüchte des Menschen. Je mehr man sich mit dem Werk befasst, desto mehr merkt man, wie wenig man eigentlich weiß. Dieser Film wäre mit Sicherheit einer der Lieblingsfilme Sokrates‘.

Eine einheitliche oder „richtige“ Interpretation ist unmöglich. Stalker muss als modernes Kunstwerk verstanden werden, das zum Nachdenken anregen soll. Der Autor selbst weigerte sich Zeit seines Lebens, Fragen zur Bedeutung des Films zu beantworten. Die Kraft des Films geht also über den Raum des Kinos hinaus, indem Tarkowski es schafft, eine gedankliche „Zone“ im Leben des Publikums erklingen zu lassen, die noch weit nach Ende des Films nachhallen wird. Wie ein guter Wein, dem man Zeit geben muss, um vollständig zu reifen.

Das bedeutet aber nicht, dass der Film per se „gut“ ist. Aber eben auch nicht, dass er „schlecht“ ist. Stalker legt die Ketten dieses starren Kategoriensystems ab und muss auf andere Art und Weisen betrachtet werden. Es geht weniger um die Bewertung des Inhalts als vielmehr um das Gefühl, das Stalker individuell in den Zuschauenden auslöst. Dieses Gefühl lässt sich nicht bewerten oder beschreiben.

von Vincent Berwind

Andrei Tarkowski
Stalker
Deutsche Übersetzung
Sowjetunion 1979
168 Minuten
FSK 12

© Copyright 2009 Films sans Frontières

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