Anna Rosenwasser – Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung
Anna Rosenwasser – Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung

Anna Rosenwasser – Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung

„Ich mache LGBTQ-Aktivismus nicht, um auf mehr Hochzeiten eingeladen zu werden, sondern zu weniger Beerdigungen.“

Anna Rosenwasser wurde 2023 vom Listenplatz 20 der Sozialdemokratischen Partei Zürich in den Nationalrat gewählt. Dieser Wahlerfolg – nach dem sie nicht unbedingt strebte, sondern primär mit ihrer Kandidatur junge Frauen und queere Menschen zum Wählen bewegen und linke Politik stärken wollte – lässt sich unter anderem durch ihr großes Engagement für Bildungsarbeit und Aktivismus für queere Rechte auf Instagram an eine junge Zielgruppe gerichtet, erklären.

„Lesben haben so Sex, wie Heteros auch Sex haben könnten, wenn sie sich mal etwas Mühe gäben.“

Ihr zweites Buch Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung liefert genau das, was der Untertitel ankündigt. Dabei gelingt es ihr scharfe Analysen – die gleichzeitig leicht verständlich und dadurch besonders zugänglich sind – mit beruflichen und privaten Anekdoten zu vereinen. Drei übergeordnete Kapitel (Queer as fuck, Gewalt und Zäme hässig (dt. zusammen wütend), setzen sich jeweils aus mehreren Beiträgen zusammen, deren Titel wie Sei froh, Roland oder Butch please von ihrem journalistischen Hintergrund zeugen, herrlich catchy sind und schon beim Anblick des Inhaltsverzeichnisses vorfreudig in die Lektüre starten lassen.

Rosenwasser rechnet mit dem heterosexuellen Blick auf lesbischen Sex sowie Bi Erasure ab, proklamiert ihre Liebe für butch Frauen und erzählt vom lesbischen bzw. bisexuellen Erwachen. Unmissverständlich legt sie dar, welche Dimensionen Coming Outs im Leben von queeren Menschen haben und wie entscheidend Sichtbarkeit und Vorbilder für queere Menschen sind. Sexualisierte Gewalt beleuchtet die Autorin umfassend und ehrlich selbstreflektiert. In zwei längeren Texten erklärt sie abschließend, wie es gelingt als Frau und queere Person Raum einzunehmen und appelliert, dass hoffen ein Verb ist. Allein für die Ratschläge, wie man beispielsweise Stammtischparolen entgegentreten kann, lohnt sich die Lektüre ungemein.

„Ich kann mir sowieso nicht viele Geschlechter vorstellen. […] Mich überfordert die Vorstellung von Geschlecht, nicht nur beim Gemeinen Spaltblättling, auch beim Menschen. Mich überfordert Geschlecht, und ich sage das als jemand, die schon seit über zehn Jahren jeden Tag für queere Rechte kämpft.“

Inkonsequent wird die Autorin jedoch dann, wenn sie überwiegend binär gendert und lediglich auf Seite 48 das erste Mal mit Doppelpunkt („Arbeitskolleg:innen“) und weitere 40 Seiten später wiederum mit Sternchen („ein*e Verbündete*r“) schreibt. Ebenso irritiert es, dass sie die Formulierung ,fühlt sich als‘ oder ,identifiziert sich als‘ im Kontext von trans* Menschen mit dem Vergleich kritisiert, dass ein Artikel ihre Bisexualität mit „sie fühlt sich als bisexuell“ „als subjektive Entscheidung [ihrer Identität] ihrerseits, die zur Debatte stehe“ darstellte, anschließend behauptet, seither darauf zu achten, auf solche Formulierengen zu verzichten, außer sie stammen „von den betroffenen Personen selbst“ – und exakt fünf Seiten vorher schreibt: „Es gibt trans Männer, also Männer, die sich heute als Männer identifizieren, auch wenn sie früher in der Rolle einer Frau waren, und trans Frauen, also Frauen, die sich heute als Frauen identifizieren, auch wenn bei ihrer Geburt gesagt wurde, sie seien Männer“. Dennoch stellt sie abschließend klar, dass ein umfängliches Verstehen nicht notwendig ist, um Existenzen anzuerkennen. Sie plädiert dafür, dass Überforderung okay ist, wenn sie an respektvolle Neugierde statt an Ablehnung geknüpft ist.

Das Auge liest mit

Die Aufmachung des Buches beeinflusst nun mal das Leseerlebnis, auch wenn der Inhalt selbstverständlich deutlich relevanter ist. Das Design von Herz sorgt dafür, dass es man ganz entzückt ist – der blaue Text wird immer wieder unterbrochen durch notizartige Anmerkungen in rosafarbener Schrift und rosafarbene Herzen, in die die entsprechenden Nummern eingeschrieben sind, kennzeichnen die Endnoten. Diese Liebe zur ästhetischen Umsetzung muss gelobt werden.

Der Ton macht die Musik und Rosenwassers Ton in Herz ist ein Banger

Rosenwassers Sprache ist bewusst leicht verständlich und dadurch sehr zugänglich. Erfolgreich meistert sie die Balance, ohne dass die Anekdoten ihre Analysen durch Ausflüchte ins Persönliche schmälern würden, sondern diese eindrücklich illustrieren. Die Erzählart wird dadurch unterhaltsam, ohne die Ernsthaftigkeit der Themen zu untergraben und fängt den mitunter mäandernden Stil auf. Man merkt dennoch, dass es ein Buch ist, in dem sich die Autorin als Person des öffentlichen Lebens präsentiert – verständlicherweise, schließlich ist es mittlerweile ihr Job Wähler*innen auf sich zu vereinen. Die Selbstreflektion und entwaffnende Ehrlichkeit, die trotzdem transportiert werden, sind in diesem Kontext besonders beachtlich.

Rosenwassers Ton ist genau dann bitterernst, bestärkend hoffnungsvoll und gerissen, wenn er es sein muss. Wenn ihr Vorwort beispielsweise mit „Einige Menschen habe ich anonymisiert, und wer nicht in einer Geschichte enden will, soll halt keinen Scheiß anstellen“ schließt, kommt man nicht umhin die Seite umzublättern und begeistert weiterzulesen. Eine herzliche Empfehlung für Anna Rossenwassers Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung!

von Michaela Minder

Anna Rosenwasser
Herz. Feministische Strategien und queere Hoffnung
Rotpunktverlag 2025
240 Seiten
29,00 Euro
ISBN 978-3-03973-055-1

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