Jil Eileen Füngeling – Where to next. Meine Reise zurück ins Leben
Jil Eileen Füngeling – Where to next. Meine Reise zurück ins Leben

Jil Eileen Füngeling – Where to next. Meine Reise zurück ins Leben

Wenn ein Augenblick alles verändert

CW: Ableismus, Autounfall, Blut, Schmerzmittelsucht, Posttraumatische Belastungsstörung

Jil Eileen Füngeling lebt ihren Traum: Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und ist als Reisebloggern auf der ganzen Welt unterwegs. Mit ihren 370.000 Instagram-Follower*innen teilt die Kölnerin ihr Leben. In ihrem Bestseller Where to next. Ein Jahr allein um die Welt erzählte sie bereits von ihren Abenteuern als Backpackerin. Im September 2022 werden ihre Pläne jedoch von einem Jeep in der Wüste Namibias durchkreuzt. Sie erleidet einen schweren Autounfall und kommt nur knapp mit dem Leben davon. Wie sie über viele Monate mit den zahlreichen Folgen kämpft, erzählt sie in ihrem zweiten Buch Where to next. Meine Reise zurück ins Leben.

Wir waren durch die Wildnis gelaufen und über steile Felslandschaften geklettert. Und nun sollte ich mich dem Gedanken klarkommen, möglicherweise nie wieder gehen zu können?“

Besonders der Trümmerbruch ihres rechten Fuß macht ihr schwer zu schaffen. Zahlreiche Ärzt*innen schrecken aufgrund der Komplexität des Bruchs vor einer OP zurück. Füngeling steht vor der Frage, ob eine Amputation sinnvoller ist. Nach ihrer Verlegung von Namibia nach Deutschland, findet sich ein Arzt, der bereit ist, den Eingriff durchzuführen, der nötig ist, um den Fuß zu retten. Füngeling entscheidet sich trotz der Unsicherheiten, für diesen Weg – ob es der richtige war, wird sich erst Monate später zeigen.

Erstmal muss sie sich in Geduld üben und bekommt Bettruhe verordnet. Obwohl Füngeling dankbar ist für die gute Versorgung im Krankenhaus und die liebevolle Unterstützung ihrer Familie, fällt es ihr schwer, diese Zeit auszuhalten. Aber auch nach zahlreichen Fortschritten bleibt der Genesungsprozess für sie eine emotionale Achterbahnfahrt, die besonders im zweiten Teil intensiv beschrieben wird. Die Autorin ist enorm ehrgeizig und fordert sich beständig selbst heraus. Leider erfährt man nur teilweise, woher sie die Kraft und Motivation nimmt. Immer mal wieder werden Affirmationen beschrieben. Aufschluss darüber, woher Füngeling ihre Hoffnung und Zuversicht nimmt, kann man dabei aber nur erahnen.

„Auch mein Arzt traute seinen Augen kaum […]: Es ist unfassbar, was Sie erreicht haben.“

Trotz zahlreicher Rückschläge und Entmutigungen, folgt sie ihrem Lebensmotto, ihre Träume über ihre Ängste zu stellen. Dass sie damit nicht immer gut ankommt, merkt sie auch an den Reaktionen bei Instagram, wo sie ihre Genesung mit ihren Follower*innen teilt. Auch für den Verlauf des Heilungsprozesses haben digital wie analog nicht alle Menschen Verständnis. Immer wieder begegnen ihr unpassende Kommentare und unangenehme Blicke. Leider reflektiert Füngeling diese Situationen in ihrem Buch nicht ausreichend. Statt zu erklären, was daran problematisch ist und wie man angemessen darauf reagiert, erzählt sie nur, was vorgefallen ist. Gerade Sätze wie „Also tat ich, was ich am besten konnte: lächeln und einfach weiter machen“ sind problematisch, weil sie anderen Betroffenen vermitteln könnten, dass es richtig ist, Ableismus zu ignorieren oder wegzulächeln.

Ebenfalls kritisch zu hinterfragen ist der Zusammenhang zwischen den Privilegien der Autorin und ihrem Heilungsprozess. Sicherlich hängen viele ihre Fortschritte mit ihrem Ehrgeiz und ihren ständigen Bemühungen zusammen. Trotzdem darf keinesfalls vergessen werden, dass jeder Heilungsprozess individuell ist. Teilweise verallgemeinert Füngeling ihre Erfahrungen und vernachlässigt dabei, dass Heilung eben nicht alles für alle Menschen gleichermaßen möglich ist, weil beispielsweise ein stabiles soziales Umfeld oder finanzielle Sicherheit fehlen. Füngeling betont zwar mehrfach, dass sie für all das sehr dankbar ist, damit nimmt sie aber nur einen Teil ihrer Verantwortung wahr.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr angenehm und sie hat ein gutes Gespür dafür, welche Details interessant sind und welche eher weggelassen werden sollten. Ihre ehrliche und authentische Erzählweise lässt die Geschichte lebendig werden und man kann vieles mitfühlen. Auch die hochwertigen Farbfotografien tragen dazu bei. Die kurzen Kapitel sorgen für ein schnelles Lesevergnügen, sodass man nur so durch die Seiten fliegt.

Trotz der genannten Schwachstellen ist Where to next. Meine Reise zurück ins Leben eine gelungene Autobiografie. Sie biete zahlreiche Einblick in Füngelings Leben als Reisebloggerin und erzählt eindrücklich von ihrem langen Genesungsprozess.

von Jasmin Fuchs

Jil Eileein Fügneling
Where to next. Meine Reise zurück ins Leben
GRAU 2025
304 Seiten
19,90 Euro
ISBN 978-3-8189-0005-2

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