Susanne Siegert – Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss
Susanne Siegert – Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss

Susanne Siegert – Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss

Nur zu wissen, was schon einmal falsch war, reicht nicht aus, um zu wissen, wie man es heute richtig macht.

CW: Ableismus, Fluchterfahrungen, Folter, Holocaust, Homophobie, Krieg, Rassismus, Rechtsextremismus, Sexismus

Auf TikTok und Instagram teilt die Journalistin Susanne Siegert auf ihrem Account @keine.erinnerungskultur, welcher 2024 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde, zahlreiche Informationen rund um die Naziverbrechen und klärt über den Holocaust in Deutschland auf. Die Leipzigerin, welche ursprünglich aus der Nähe von München kommt, fasst in ihrem Sachbuch Gedenken neu denken ihr Wissen zusammen und gibt zahlreiche Impulse für eine neue Erinnerungskultur. Dazu entfaltet sie systematisch verschiedene Fragestellungen und reflektiert sowohl ihre eigene Familiengeschichte als auch die Vergangenheit ihrer Heimat. Exemplarisch zeigt sie anhand des KZ Mühldorf (Hart) auf, welche Bedeutung Gedenkort haben (sollten).

Ist es okay, dass ich mir aus […] Dokumenten, Interviews, Fotos und Filmaufnahmen, die Namen der Opfer samt privater Daten aneigne? Oder ist das nur ein weiterer Akt des Gedächtnistheaters?

Im Vorwort und in den Vorbemerkungen nimmt sie mögliche Kritik an ihrer Auseinandersetzung mit dem Holocaust vorweg und legt den Grundstein für die folgenden Kapitel. Durch treffende Begriffserklärungen ermöglicht sie auch all denen, die in der Schule nur wenig oder sehr einseitig vom Nationalsozialismus hörten, einen leichten Einstieg. Auch mögliche Bedenken bezüglich diskriminierungsfreier Sprache entkräftet sie auf kluge Weise, sodass sie und ihre Leser*innen sich im Hauptteil auf die inhaltliche Auseinandersetzung konzentrieren können. 

Das Sachbuch gliedert sich in fünf Kapitel, welche sich mit Opfer- und Täter*innenrecherche, Gedenktagen, sogenannten Holocaust Icons, Widerstand gegen den Holocaust, Erinnerungskultur und aktuellen Themen wie Rechtsextremismus beschäftigen. Siegert erläutert beispielsweise, dass bei der Verwendung der „Nie wieder“-Parole oft nicht nur ihr Entstehungskontext, sondern auch die Tatsache, dass ein Großteil der nicht-jüdischen Bevölkerung keinen Widerstand leistete, vergessen wird. Die gemeinsame Rückschau mit den Opfern hält die Autorin für hochproblematisch, weil dabei vergessen wird, die eigene Täter*innenschaft anzuerkennen. In ihrem Buch zeigt sie auf, dass Möglichkeiten dazu bestanden, diese aber vielfach ungenutzt blieben und unter den Tisch gekehrt werden. 

Brauchen wir mehr Gedenkstätten und Gedenktage?

Interessant ist auch ihre Perspektive auf Gedenkstätten und die Exemplarität dieser. So merkt Siegert kritisch an, dass es nicht passieren darf, dass wir das Bewusstsein darüber verlieren, dass Markierungen wie Stolpersteine nur einen Bruchteil der Geschichte sichtbar machen. Gedenkstätten und Gedenktage dürfen laut ihr keine Möglichkeit zur Auslagerung des Themas aus dem Alltag werden. Deutliche Worte findet sie auch bezüglich des medialen Umgangs mit Gedenktagen: „Es braucht nicht jedes Jahr kurz vor Gedenktagen neue Interviews von jedem lokalen Radiosender, mit Senior*innen, die bitte möglichst kompakt und mediengerecht ihre schmerzhaften Erinnerungen noch mal erzählen sollen, sondern mehr Beschäftigung damit, was sie schon einmal gesagt haben, nicht versanden zu lassen.“

Besonders hervorzuheben ist auch ihre gelungene Einordnung aktueller politischer Entwicklungen und der heutigen Verwendungen von Schlagwörtern mit Bezug zum Nationalsozialismus. Deutlich mahnt sie dabei an, dass eine Fokussierung auf Wahlempfehlungen und Übertragung von Lehren auf die Gegenwart reichlich zu kurz greift. 

Über Auschwitz und den Holocaust zu sprechen, braucht diese Daseinsberechtigung nicht – beziehungsweise hätte sie auch ohne Rechtsdruck und AfD. Sie ist immer da, selbst wenn wir es nicht merken, weil die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kein abgeschlossenes Kapitel ist und wahrscheinlich nie eines sein wird.

Gedenken neu denken ist ein hochgradig empfehlenswerter Spiegel-Bestseller – insbesondere für alle, die sich bisher kaum mit dem Holocaust beschäftigt haben. Es bieten sich aber auch für all jene, die meinen, sich bereits recht gut auszukennen, zahlreiche neue Erkenntnisse. Deshalb gilt: Unbedingt lesen!

von Jasmin Fuchs 

Susanne Siegert
Gedenken neu denken
Piper 2025
240 Seiten
18,00 Euro
ISBN 978-3-492-06545-0

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